Nov 13

«1:12-Initiative bedroht die flexible Arbeit».

Autor: swissstaffing

Auf den ersten Blick erscheint eine Bedrohung der flexiblen Arbeitsmodelle durch die 1:12-Initiative abwegig. Es wäre sogar denkbar, dass die Personalverleiher von der Initiative profitieren. Nichtsdestotrotz lehnt swissstaffing, der Verband der Personaldienstleister, die Initiative explizit ab. Er betrachtet sie als Bedrohung für die Arbeitsgrundlage der Personaldienstleister. Ein Interview mit Georg Staub, Direktor von swissstaffing.

  • Georg Staub, bald steht die Abstimmung der 1:12-Initiative vor der Tür. Wie stehen Sie zur Initiative?

Georg Staub: Meiner Meinung nach müsste man sich gar nicht mit den konkreten Inhalten dieser Initiative auseinandersetzen. Ihre Zielsetzung ist falsch. In einer übergeordneten Betrachtung stellt sie eine ernsthafte Gefährdung unseres liberalen Rechtsstaates und eine Rückkehr zu längst überwunden geglaubten dirigistischen Staatsmodellen dar. Sie gefährdet deswegen unsere Freiheit, unseren Wohlstand und unser Selbstverständnis, in einer freien Schweiz unsere Heimat zu haben. Ich beurteile die 1:12-Initiative als Gefährdung unseres Arbeitsmarktes und unserer Volkswirtschaft. Deshalb ein ganz klares Nein von meiner Seite.

Georg Staub, Direktor swissstaffing: «Bei Annahme der Mindestlohninitiative würden vermehrt Arbeitnehmer auf das Minimum gesetzt, die heute mehr verdienen.»

Wenn wir in einer freien und liberalen Staatsumgebung leben wollen, müssen wir ein paar Ausreisser wie eben Abzocker ertragen. Das ist der Preis der Freiheit. Ich kann die Initiative inhaltlich absolut nachvollziehen und nur zustimmen, dass es unschöne Zustände sind. Aber es geht um viel mehr! Lassen wir es zu, dass der Staat in unsere Unternehmen, Schlafzimmer und Brieftaschen hineinschaut? Wollen wir in einem solchen Staat leben? Das sind sozialistische Modelle. Dies macht die Initiative so gefährlich. Deshalb ist es auch so wichtig, die Zusammenhänge darzustellen. Denn für Personen, die sich diese Zusammenhänge noch nicht überlegt haben, mag die 1:12-Initiative als Heilslehre gelten.

  • Was sind Ihre grössten Befürchtungen bei einer Annahme der 1:12-Formel?

Um die Konsequenzen zu berechnen, benötigt man kein mathematisches Studium. Das ist kleines Einmaleins. Das Gegenkomitee hat mit der St.?Galler Studie die möglichen Defizite im Detail aufgezeigt. Die Initiative darf jedoch nicht nur auf Ebene des Inhalts bekämpft werden. Für mich geht es bei dieser Abstimmung um ebendiese Frage: Wollen wir weiterhin in einer freien Schweiz mit einem liberalen Arbeitsmarkt leben? Durch die Initiative wird das seit der Gründung des Bundesstaates 1848 erreichte «Acquis Social» gefährdet und somit das gesamte Erfolgsmodell Schweiz – eine tragische Entwicklung.

  • Sie haben erwähnt, dass die Zielsetzung falsch ist. Worin besteht Ihrer Meinung nach der Fehlansatz der Initiative?

Die St.Galler Studie hat die Konsequenzen berechnet für den Fall, dass die 1:12-Formel auf dem Arbeitsmarkt umgesetzt wird. Aber in diesem Fall sind die gesamten Berechnungen müssig. Der Schwachpunkt jeder Studie, die mit Prämissen arbeitet, ist deren fragliches Eintreten. Und eine Plafonierung der Höchstlöhne wird auch bei Annahme der Initiative nicht geschehen. Fakt ist: Diejenigen, die in der Schweiz tätig sind und sich wie Herren der jüngsten Zeitgeschichte wichtig genug sind, um sich Millionen auszahlen zu lassen, haben kein kleineres Ego nach der Initiative. Und woher diese Millionen kommen, spielt für diese CEOs keine Rolle. Erhalten werden sie das Manna trotzdem.

  • Wie werden Ihrer Meinung nach die Firmen reagieren, falls die 1:12-Initiative angenommen wird?

Die Initiative ist schlichtweg nicht durchsetzbar, weil sie umgangen werden kann. Und das an beiden Enden. Erstens durch den Bezug von Managerkapazitäten aus Konzernteilen, die nicht der Schweizer Gesetzgebung unterstehen, und zweitens durch ein Auslagern von billigen und billigsten Lohnaktivitäten an Subunternehmen. Meiner Meinung nach wird genau dies geschehen.

  • Wäre dies nicht eine positive Entwicklung für die Personalverleiher?

Es ist denkbar, dass sich für die Personalverleiher ein neues Geschäftsfeld eröffnen würde. Ich wage dies aber zu bezweifeln. Der Verleih von Billigst-Lohnempfängern ist auch für Temporärunternehmer kaum ein kostendeckendes Geschäftsmodell.

  • Was ist die Position von swissstaffing?

Obwohl die Initiative auf die Personalverleiher unmittelbar keine Auswirkung hat, ist swissstaffing ganz klar gegen diese Initiative. Unsere Arbeit und unseren Beitrag zur Wirtschaft können wir nur in einem freiheitlichen System leisten. In allen sozialistischen Systemen hat es keinen Platz für flexible Arbeit. Diese Initiative ist einmal mehr ein Versuch, dirigistisch in den Arbeitsmarkt einzugreifen. Und gegen jeden Versuch dieser Art, von woher auch immer er kommt und unter welchem Titel auch immer er segelt, muss swissstaffing als Arbeitgeberverband und aus reinem Selbsterhaltungstrieb entschieden opponieren.

«Das ist der Preis ?der Freiheit»: ?Georg Staub über Abzocker.

Die Schweiz ist heute schon eine Hochpreisinsel. Das Bankgeheimnis konnte in einer Umgebung, welche dies nicht akzeptierte, nicht bewahrt werden. Ebenso müssen wir damit rechnen: Das Lohnniveau der «Insel Schweiz» wird sich an ein europäisches Niveau angleichen – schneller als manche denken. Zudem werden die ökonomischen Gesetze von Angebot und Nachfrage über die Grenze langfristig zu einer Angleichung der Lebenshaltungs- und Lohnkosten führen. Davon bin ich überzeugt.

  • Eine künstliche Lohnkorrektur führt in der heutigen Schweiz in eine Sackgasse – weil wir Teil einer globalisierten Wirtschaft sind?

In Baden-Württemberg bezahlen Unternehmen für Facharbeitskräfte heute schon Schweizer Löhne. Aus dem simplen Grund, weil sonst alle Ingenieure in die Schweiz abwandern würden. Dieser Prozess wird nicht überall gleich schnell stattfinden, aber in Mangelberufen schneller als in anderen. Ich habe kürzlich eine Diskussion von zwei Ingenieuren verfolgt, die bei einem Schweizer Unternehmen angestellt sind. Folgendes stand zur Debatte: Ist eine Anstellung in Brasilien mit Expat-Benefits oder mit den Lokalbedingungen in Brasilien besser? Das Fazit: Mit Lokalbedingungen fährt es sich dutzendfach besser. Früher konnte die Schweiz mit starken nationalstaatlichen Grenzen auftrumpfen – das ist heute nicht mehr so. Mit einer globalisierten Wirtschaft profitiert die Schweiz auch nicht mehr von denselben komparativen Vorteilen. Eine künstliche Korrektur der Lohnpolitik wie zum Beispiel die Mindestlohninitiative oder die 1:12-Initiative wird langfristig nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Inflation oder andere wirtschaftliche Umwälzungen werden solche Zwangsmassnahmen wieder korrigieren.

  • Die Mindestlohninitiative führt also auch in eine Sackgasse.

Ehrlich gesagt: Wir hätten ein Problem weniger. Die Mindestlohninitiative würde unsere Arbeit beträchtlich vereinfachen. Die Personalverleiher müssten keine Diskussionen mehr über Mindestlöhne führen. Ich glaube jedoch, dass Arbeitnehmer vermehrt auf das Minimum gesetzt würden, die heute mehr verdienen. Ein grosser Anstieg der Arbeitnehmer, die nur gerade das Minimum verdienen, ist vorauszusehen. Ist das wirklich wünschenswert? Auch dies wäre wiederum ein dirigistischer Eingriff in unseren liberalen Arbeitsmarkt, der zu skurrilen Reaktionen führen würde.

Julia Bryner, Relationship Manager bei swissstaffing, hat das Interview geführt.

Zweifellos würde das Umsetzen der Initiative zu einer beträchtlichen Schwächung des Werkplatzes Schweiz führen. Noch viel tragischer wären jedoch die langfristigen Auswirkungen auf unseren Rechtsstaat. Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell – nicht zuletzt aufgrund des liberalen Arbeitsmarktes. Wir haben in der jüngsten Wirtschaftsgeschichte unseres Landes Jagd auf alle Hühner gemacht, die goldene Eier legen, und gleichzeitig die Äste, auf denen wir sitzen, angesägt. Die Konsequenzen sehen wir bereits in den Finanzplanungen und Budgets der Städte Winterthur und Zürich, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das alles über Steuern regulieren zu wollen und dann nur von den Reichen, die nicht mehr da sind, sind pubertäre Visionen.

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