Jun 3

Die vielfältige Interpretation des «r» mit Bisshemmung.

Autor: HRToday

Grafologie wird auch im Selektionsprozess angewendet. Die Methode ist jedoch umstritten. Ein Schriftpsychologe erklärt, wie treffsicher er Handschriften analysieren kann. HR-Verantwortliche und Personaldienstleister geben in einer Umfrage Auskunft, ob und wie sie grafologische Gutachten verwenden (ein Beitrag von: Marianne Rupp, HR Today).

«Die Handschrift ist ein Informationsträger. Sie widerspiegelt intellektuelle und soziale Kompetenzen, Fähigkeiten und mögliche Potenziale eines Menschen», sagt Hans-Rudolf Metzger. Er ist dipl. Psychologe HAP mit einem Nachdiplomstudium in Schriftpsychologie und seit über 30 Jahren in diesem Bereich tätig. Metzger arbeitet mit Headhuntern und Unternehmen zusammen. «Häufig geht es um eine Vorselektion: Ich lese aufgrund der Schrift diejenigen Bewerber aus, die interessant sind und zu einem Interview eingeladen werden sollten.» Dazu muss Metzger das Stellenprofil detailliert kennen und mit der Firma und ihrer Kultur vertraut sein. Die Vorselektion durch einen Schriftpsychologen erspare den Firmen Zeit und Kosten, sagt Metzger. Und weil eine Handschrift verrät, in welchen Bereichen Probleme liegen könnten, könne er Tipps für das Interview geben. Dieses gestalte sich daher schnell offen und persönlich. Metzger riet beispielsweise einem HR-Leiter, den Bewerber nach seinem Verhältnis zu seinem Vater und zu seinem Vorgesetzten zu fragen: «Dieser war sehr erstaunt, wieso der Personalverantwortliche über seine schwierige Beziehung zu Autoritäten Bescheid wusste.»


Um eine Schriftprobe auf ein bestimmtes Stellenprofil hin analysieren zu können, braucht Metzger zusätzliche Informationen. Er muss beispielsweise das Umfeld des Schreibenden kennen. Ist er Ingenieur in einer Informatikfirma oder Verkäufer in einer Nobelboutique? «Der Ingenieur hat anders denken gelernt als der Verkäufer – Denkweisen zu kennen ist fundamental für unseren Beruf», erklärt Metzger. Weitere nützliche Angaben seien Alter, Geschlecht oder ob der Schreibende Links- oder Rechtshänder ist. Ganz wichtig ist die Unterschrift: «In vielen Fällen weicht sie vom Schriftbild ab», sagt Metzger. «Ich habe beispielsweise eine Schrift analysiert, die mir einen aktiven, sprachlich begabten Menschen offenbarte. Aber die Unterschrift passte nicht zu diesem Bild. Nachfragen haben ergeben, dass der Schreibende seine Signatur jemandem nachempfunden hat, der ihn beeindruckte.»

Das Verhältnis der Unterschrift zum übrigen Schriftbild spielt eine wichtige Rolle bei der Deutung einer Handschrift, sagt Metzger: «Es zeigt mir, wo ungelöste Probleme liegen.» Im genannten Beispiel eiferte der Mann einem Vorbild nach, das nicht seiner Persönlichkeit entsprach, er hatte Identitätsprobleme.

Eine Schriftprobe sollte mit Kugelschreiber oder Füllfeder geschrieben sein, denn diese zeigen den Druck und den Strich am deutlichsten. «Unter dem Mikroskop sehe ich, wie stark jemand beim Schreiben drückt, ob der Strich homogen ist und ob die Unterschrift gleich geschrieben wurde. Das sind wichtige Informationen, um eine Schrift zu erfassen», erklärt Metzger.

«Zuerst lasse ich eine Schrift auf mich wirken. Es fällt mir relativ schnell auf, was bei ihr zentral ist», sagt Metzger.  «Ich beginne die Analyse über die Intuition und die emotionale Intelligenz. Erst dann schalte ich den Verstand ein und vergleiche die Probe mit den tausend anderen Schriften, die ich schon analysiert habe.» Intuition, emotionale Intelligenz – ist die Schriftanalyse eine rein subjektive Interpretation?

«Es ist umstritten, ob Grafologie eine Wissenschaft ist oder nicht»

sagt Metzger. «Die Schrift besteht aus Dutzenden von Merkmalen. Sie kann weit, eng, klein, steil, schräg, unverbunden sein und vieles mehr. Die Merkmale sind jedoch immer mehrdeutig und können nur im Zusammenhang zueinander interpretiert werden.» Das sei bei anderen psychologischen Tests, etwa dem 16 Persönlichkeits-Faktoren-Test, genau gleich: «Die Interkorrelation der einzelnen Faktoren, selbst wenn sie wissenschaftlich erstellt wurden, kann nicht wissenschaftlich gedeutet werden, sondern hängt von der Auswertung des Interpretierenden ab. Der Erfahrungsschatz spielt daher eine grosse Rolle.»

Neben den physischen Seiten einer Schrift, den Merkmalen, die fassbar, zuzuordnen und rational erklärbar sind, existiere eine metaphysische Dimension, erklärt Metzger. «Sie ist ein Gesamteindruck, der nicht mess- oder erklärbar ist. Es ist wie bei einem Gebäude: Ich kann seine Mauerdicke bestimmen, sehe die Konstruktion, alles Dinge, die rational erklärbar sind. Die Ausstrahlung des Gebäude jedoch, sein Gesamteindruck, geht über die Summe der wissenschaftlich messbaren Daten hinaus. Genauso verhält es sich mit der Schrift.»

Im Jahr 2006 schreibt kaum jemand mehr von Hand. Und wenn, sind es nur kurze Notizen, Erinnerungsstützen oder Grusskärtchen. Niemand bemüht sich, schön zu schreiben, wie es beispielsweise vor 30 Jahren üblich war.

«Für die Grafologie ist das jedoch ein grosser Vorteil, dass die Leute nicht mehr schreibgewohnt sind. Ihre Schrift wird dadurch authentischer, originaler», sagt Metzger. Die Resultate seiner Gutachten teilt Metzger seinen Auftraggebern am liebsten mündlich mit, denn so sehe er sofort, ob sie ihn richtig verstehen würden. Bei schriftlichen Gutachten hat der

Bewerber das Recht, sie einzusehen. Hier könne es zu Diskussionen kommen, weil nicht alle

Betroffenen akzeptieren, was er über sie geschrieben habe. «Gerade Leute die sich überschätzen, können vehement reagieren.» Metzger stellt jedoch klar, dass er mit seiner Schriftanalyse niemanden beurteilt, sondern mit wertfreier Haltung die Schrift erfasst.

«Grafologie ist nicht hundertprozentig sicher», sagt Metzger. «Die Resultate hängen von dem Gutachter ab und auch davon, ob er die richtigen Schlüsse ziehen kann zu der Fragestellung, ob jemand für eine bestimmte Position geeignet ist.»

Gemäss seinen Erfahrungen komme er auf eine Erfolgsquote von rund 80 Prozent. Und: «Grafologie sollte als Teil des Selektionsprozesses betrachtet werden. Als ein Mosaikstückchen eines Ganzen liefert die Handschriftanalyse einen wertvollen Beitrag.»

Die vielfältige Interpretation des «r» mit Bisshemmung., 7.0 out of 10 based on 5 ratings

VN:F [1.9.21_1169]
Rating: 7.0/10 (5 votes cast)
Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.