Sep 7

Europa schrumpft sich schwach und alt.

Autor: PersonalRadar

Die gerontologische Transformation der europäischen Gesellschaften schrumpft die Arbeitsmärkte erbarmungslos auf Zwergengrösse. Vor einiger Zeit fand in St. Gallen der sogenannte ‚World Ageing and Generations Congress’ statt. Dieser warnt eindringlich vor der Überalterung Europas. Keine Sau interessiert es.

Dass in Europa eine schleichende Geriatrisierung der Gesellschaften stattfindet und die Gerontokratie, also die Herrschaft der Betagten, Realität wird, pfeifen die Spatzen schon lange von den Dächern. Das luzide Einsehen um diese Erkenntnis hält sich jedoch in Grenzen. Die Politik ist sich der Sache bewusst, überlässt aber das Thema grösstenteils den Fachgremien, der Zukunftsforschung und ‚Think Tanks’. Diese schreiben und veröffentlichen dann gescheite Arbeitspapiere, Essays und wissenschaftliche Beiträge. Das Wissen um eine wachsende Tragödie, die so nicht mehr zu korrigieren ist, interessiert nur eine handvoll Fachspezialisten. Das Thema ist zu trocken für viele. Bald kommt jedoch die Zeit und das Problem wird zum alles bestimmenden Neo-Thema. Die Alterung der europäischen Gesellschaften wird uns dermassen zu schaffen machen, dass andere essentielle Probleme auf ein Minimum eingedampft werden.

Aufgrund schrumpfender Gesellschaften werden sich ganze Landstriche und partielle Anteile von Staatsgebieten Stück für Stück entvölkern.

Danach implodieren die Preise der dadurch betroffenen Immobilienmärkte aufgrund der Leerstände, was einer eigentlichen kalten Enteignung gleich kommt. Die hohen Staatsschulden werden noch höher, da eine geschmälerte erwerbstätige Bevölkerung weniger Steuereinnahmen generiert und Staaten froh sein müssen, wenn wenigstens die laufenden Kosten mit dem eingenommenen Geld bedient werden können. Dieser Blick in die Zukunft wird für die Nachkommen der heutigen Generationen eine grosse Herausforderung bilden. Sie scheint jetzt schon verloren zu sein.

Viele europäische Länder können die Lücken auch nicht mehr mit Einwanderung ausgleichen.

Denn die klassischen Emigrationsländer an der Peripherie Europas entpuppen sich als potente Wirtschaftsstaaten, deren Regierungen froh sind, wenn die Bevölkerung im erwerbstätigen Alter im Land bleibt und den eigenen Arbeitsmärkten zur Verfügung steht. Polen und die Türkei beweisen das im Moment sehr eindrücklich.  Zudem benötigen diese forscher werdenden Volkswirtschaften selber Fach- und Führungskräfte, um die eigene Entwicklung nicht zu gefährden. Wer möchte schon die Ungewissheit einer fremden Gesellschaft auf sich nehmen, wenn es in der eigenen Heimat an Möglichkeiten des Fortkommens nicht mangelt? Das Verbleiben in der Heimat führt auch dazu, dass man in einer vertrauten Umgebung die beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten vielleicht besser nutzen kann und die Stabilität der Familie dadurch auch besser gewährleistet ist. Die Kinder dieser Familien werden das menschliche Reservoir der heimatlichen Volkswirtschaft bilden und die Zukunft sichern.

Wirtschaftliche Emigration hat immer mit Mangel zu tun.

Menschen verlassen ihre Heimat nicht einfach so. Emigration ist anspruchsvoll, manchmal lebensgefährlich und verlangt eine überdurchschnittliche Anpassungsfähigkeit, um im neuen Wirtschaftssystem bestehen zu können. Nur die Stärksten nehmen das auf sich. Gerade aufstrebende Volkswirtschaften sind jedoch auf die Starken angewiesen und werden alles tun, dass der produktivste Bevölkerungsteil bleibt und damit die eigene Modernisierung stimuliert.  Ach ja – die Pflegeroboter aus Japan, die in Europa immer milde belächelt werden, stehen vielleicht schon bald in den europäischen Alters- und Pflegeheime für Hochbetagte. Die arbeitsintensive und teure Altenpflege kann dann ohne diese Maschinen nicht mehr realisiert werden. Das Pflegepersonal ist aufgrund des demografischen Schwundes und der beschädigten Reputation als schlecht bezahlter ‚Chrampfberuf’ besonders stark ausgedünnt und die Lücken können nur mit fortgeschrittenen technischen Hilfsmitteln geschlossen werden. Das bulgarische, rumänische oder polnische Pflegepersonal steht bald nicht mehr zur Verfügung. Osteuropa entwickelt sich stark und bietet seinen Bürger/-innen in naher Zukunft Einkommensmöglichkeiten, die ein Wegzug nach Westeuropa aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr nötig machen. Es gibt genug gut bezahlte Arbeit direkt vor der Haustüre.

Auch das ist noch eine Überlegung wert.

Schrumpft die Bevölkerung, dann schrumpft auch deren weiblichen Anteil, der für den Nachwuchs sorgen müsste. Wirtschaftlich harte Zeiten haben häufig einen direkten Einfluss auf die Fertilität von Frauen. Diese werden sicher keine Kinder gebären, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz fragil scheint. Schlechte wirtschaftliche Verhältnisse haben eine kontrazeptive Wirkung! Kinder kosten Geld. Ist keines vorhanden, dann machen Kinder auch keine Freude. Zudem sind viele Väter im Ausland am Arbeiten und sorgen fern der Heimat mit ihren Geldrimessen für das Einkommen der Zurückgebliebenen. Aber auch die vaterlose Gesellschaft ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Die gesellschaftliche, politische wie auch wirtschaftliche Entwicklung Europas wird unstet werden. Es bleibt zu hoffen, dass der Kontinent einigermassen unversehrt bleibt und die Bevölkerungslücken mit intelligenter Technologie ausgeglichen werden kann. Die Zukunft wird uns klüger machen. 

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