Jun 10

Freiwilligenarbeit: Selbstlosigkeit gepaart mit Sinnsuche und einer Prise Egoismus.

Autor: HRToday

Millionen Menschen leisten in ihrer Freizeit freiwillige gemeinnützige Arbeit. Sie wollen der Gemeinschaft etwas zurückgeben oder sind auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit, ohne den Druck, den die Erwerbsarbeit oft mit sich bringt. Und Menschen, die sich engagieren, sind per se engagiert – auch in ihrer Rolle als Mitarbeiter (ein Beitrag von: Stefanie Zeng, HR Today).

Ein 100-Prozent-Job, eine Familie, ein bisschen Sport oder Haus- und Gartenarbeit. Viele Menschen sind damit ausgelastet, ihr bisschen Freizeit ist ihnen heilig. Urs Wolfensberger sieht das anders: «Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es», findet der 51-jährige Leiter der Marketing-&-Sales-Abteilung bei der WEMF AG. Der Familienvater engagiert sich in seiner Freizeit freiwillig – und das gleich doppelt. Zum einen ist er Vorstand der basellandschaftlichen Sektion von «Schule und Elternhaus», der grössten Elternorganisation der Schweiz. Zum anderen unterrichtet er Kommunikation und Marketing an diversen Fachschulen – für eine geringe Aufwandsentschädigung. Durch seine Tätigkeiten bekomme er viel Menschliches zurück, so Wolfensberger. «Emotionen, neue Gedanken und Anregungen, aber auch Widerspruch. Und das macht mir Freude, meistens jedenfalls. Ich bin ja nicht nur Arbeiter, Ehemann und Vater, sondern Mensch, Bürger und Mitglied einer Gemeinschaft», erklärt er seine Motivation.

In der Schweiz sind laut dem aktuellen «Freiwilligenmonitor» – der jährlichen Erhebung zur frei-gemeinnützigen Tätigkeit –

  • 26 Prozent der Bevölkerung freiwillig in Vereinen, Organisationen oder Institutionen tätig
  • 37 Prozent leisten so genannte informelle Freiwilligenarbeit, also Nachbarschaftshilfe wie Kinder hüten, Gartenarbeit oder Transporte für Personen ausserhalb des eigenen Haushalts.

Die volkswirtschaftliche Leistung der Freiwilligenarbeit ist enorm. «Wenn man diese Arbeit in bezahlte Arbeit überführen wollte, müsste man eine sehr grosse Zahl zusätzlicher Stellen schaffen, die Kosten würden beträchtlich steigen, die Lebensqualität zugleich einen Verlust erleiden», sagt Herbert Ammann, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SSG). Doch warum engagieren sich in unserer angeblich so individualisierten Gesellschaft mehr als die Hälfte der Menschen freiwillig?

Wille, der Gesellschaft etwas weiterzugeben

«Ein bedeutendes Motiv für die Freiwilligenarbeit ist die so genannte Generativität, der Wille, der Gesellschaft oder der nächsten Generation etwas weiterzugeben», erklärt Theo Wehner, Professor für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich. «Das gelingt heute im Erwerbsleben oft nicht mehr so gut, und auch in den Familien ist es nicht einfach, gerade wenn man Patchwork-Familien betrachtet.»

Es wundert daher nicht, dass vor allem Menschen im mittleren Alter, zwischen 40 und 55 die meiste Freiwilligenarbeit leisten. Sie sind es, die vor allem dieses Generativitätsproblem zu lösen haben.

«Das zweite und sicher das zentrale Motiv ist die Sinngenerierung. Die Frage nach dem Sinn entscheidet über Fortführung oder Abbruch der freiwilligen Tätigkeit», so Wehner. Dennoch ist es nach Ammans Einschätzung nicht so, dass Leute, die in ihrer Erwerbsarbeit keinen Sinn sehen, sich tendenziell häufiger engagieren. Im Gegenteil: «Vieles deutet darauf hin, dass die Notwendigkeit der Erholungszeit von sinnentleerter Arbeit so gross ist, dass kaum mehr Kapazität bleibt für sinngebende Arbeit, also für Freiwilligenarbeit.»

Dennoch: «Freiwillige arbeiten zufriedener», meint Ammann. Das liege daran, dass es im Gegensatz zur Erwerbsarbeit in der Freiwilligenarbeit kaum Sanktionsmittel gebe und der Freiheitsgrad sehr hoch sei. «Das finden viele Menschen sehr attraktiv.» Auch Ingeborg Kern aus Basel «wollte endlich etwas tun, das einmal nichts mit Stress zu tun hat». Seit März hilft sie zwei Frauen aus Peru und Venezuela, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Dazu gehört Deutschunterricht ebenso wie Einführung in die Gepflogenheiten des Landes. Die 51-Jährige fühlt sich dabei aber nicht nur als Gutmensch. «Ich bin auch Nutzniesserin meiner Freiwilligenarbeit. Ich lerne andere Menschen, andere Kulturen, andere Sprachen kennen. Da kommt ein gewisses Ferienflair auf», findet Kern. «Und das schönste Geschenk war, als mir die beiden zum Muttertag gratuliert haben.»

Bei der Freiwilligenarbeit entstehen oft neue soziale Kontakte. Sie sind für viele Freiwillige ebenfalls ein starkes Motiv, sich zu engagieren.

«Man kommt mit Menschen zusammen, man erhält Anerkennung für diese Arbeit. Es gibt bei der Freiwilligenarbeit auch eigenzentrierte Motivationen», so Ammann. Doch die egoistischen Motive für die Freiwilligenarbeit dominieren nicht: «Es sind keinesfalls die Vereinsamten, die freiwillige Arbeit leisten. Das zeigen die Statistiken. Frei-gemeinnützig Tätige haben meist einen grösseren Freundeskreis als solche, die sich nicht engagieren», erklärt Wehner. Initiativen, die beispielsweise versuchten, Arbeitslose aus der Isolation herauszuführen, seien schon gescheitert. Wehner habe sogar mit Arbeitslosen geredet, die, als sie arbeitslos wurden, auch ihre freiwillige Tätigkeit aufgegeben haben. «Die kommen sich komisch vor, wenn sie Arbeit verrichten, die sie nicht bezahlt bekommen.»

Arbeitgeber stellt Sitzungszimmer für Meetings zur Verfügung

Für Unternehmen zahlt es sich nach Ansicht der Experten in jedem Fall aus, Mitarbeiter in ihrem Engagement zu unterstützen. Das kann im Rahmen von Corporate-Volunteering-Programmen geschehen oder auf individueller Basis. Im Fall von Urs Wolfensberger stellt der Arbeitgeber beispielsweise ein Sitzungszimmer für Meetings im Rahmen seiner freiwilligen Tätigkeit zur Verfügung. Aber auch zeitliche oder finanzielle Zugeständnisse sind denkbar. «Bei der Personalauswahl würde ich einem CEO raten, auf freiwilliges Engagement zu achten», sagt Ammann.

«Denn Menschen, die sich engagieren, sind per se engagierte Menschen. Und ich gehe davon aus, dass Unternehmen primär engagierte Mitarbeiter haben wollen.»

Zudem profitiere der Arbeitgeber auch von den zusätzlich erworbenen Sozial- oder Methodenkompetenzen, weiss Wehner. Auf Urs Wolfensberger trifft das nach dessen Ansicht auf jeden Fall zu: «Meinen grundlegenden Managementfähigkeiten kann Training nicht schaden. Das Leiten eines Meetings bleibt die gleiche Herausforderung – ob Geschäft oder Freiwilligenarbeit.»

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