Mai 27

Machen Sie doch endlich mal eine Szene!

Autor: PersonalRadar

In Deutschland, Frankreich, England oder Italien hat sich Unternehmenstheater längst in der betrieblichen Weiterbildung etabliert. Langsam, aber sicher setzt sich die dramaturgische Auseinandersetzung mit Problemen jetzt auch in Schweizer Unternehmen durch (ein Beitrag von: HR Today.)

Bereits die alten Griechen wussten um die Wirkung des Theaters auf das Publikum. Über den Weg der Verfremdung und der Inszenierung sind Menschen eher bereit, sich für neue Sicht- und Verhaltensweisen zu öffnen.

Dieser Gedanke liegt auch dem Unternehmenstheater zu Grunde, das in Schweizer Unternehmen immer öfter in der betrieblichen Weiterbildung eingesetzt wird. Einem «normalen» Theaterbesuch vergleichbar, erleben die Zuschauer ein professionell inszeniertes Stück auf der Bühne, das bei ihnen bestimmte Reaktionen hervorrufen soll. Anders als bei herkömmlichen Theaterproduktionen sind Zeit und Ort der Aufführung sowie das Publikum beim Unternehmenstheater jedoch nicht beliebig. Im Gegenteil: In den meisten Fällen wird auf Basis gründlicher Recherche im Unternehmen ein speziell auf die Unternehmenssituation zugeschnittenes Stück verfasst und vor einem zuvor festgelegten Publikum, meist Mitarbeitende, von professionellen Schauspielern aufgeführt.

«Übersetzungshilfe» für komplexe oder Angst machende Themen

In den häufigsten Fällen kommt Unter­nehmenstheater bei betrieblichen Ver­änderungen zum Einsatz. Egal ob neue Prozesse, eine Fusion, Projekt- oder Produktlancierungen, Veränderungen lösen bei den meisten Mitarbeitenden Ängste und Misstrauen aus, der ständige Lernprozess überfordert und schürt häufig sehr starke Emotionen, die jedoch nur selten offen kommuniziert werden. Demotiva­tion ist an der Tagesordnung. «Veränderungs­widerstand ist meist nicht rational, sondern emotional motiviert. Daher ist es für Firmen besonders schwer, damit umzugehen», weiss Urs-Anders Graf, der seit 1997 das M.U.T.H.-Ensemble für inszenierte Kommunikation sowie die Firma «anders.Unternehmenstheater» leitet. Denn die Geschäftswelt, so Graf, gibt sich gerne ohne Emotionen.

Das Unternehmenstheater bietet die Chance, als «Übersetzungshilfe» für komplexe oder Angst machende Themen zu fungieren und diese schnell und umfassend zu spiegeln.

Graf spricht von Medium, Katalysator oder von Hofnarren, wenn er sich und seine Arbeit in den Unternehmen erklärt. Als Clown oder als simpler Unterhalter will er sich aber nicht verstanden haben. «Unternehmensdramaturgie beschreibt die Kombination von professionellem Theater und systemischer Organisationsentwicklung.»

Seit 2003 setzt auch ABB aufs Theater, und zwar auf dessen präventive Wirkung – dies im Rahmen eines der Führungsentwicklungsprogramme für Nachwuchskader. «Im Modul Work-Life-Balance thematisieren wir auf der Bühne das Stressmanagement», erklärt die Personalentwicklerin Birgit Gross, die das Programm zusammengestellt hat. Schauspieler des Forumtheaters Zürich spielen vier Szenen aus ihrem Stück «Hetzinfarkt», und danach können die Kursteilnehmer sich selber in das Geschehen einbringen. «Zusammen mit einem Moderator aus der Schauspieltruppe reflektieren sie ihre persönliche Situation und ändern die Szenen und Dialoge ab», so Gross. Dieses spielerische und interaktive Kontrastprogramm habe sich im Bereich der Stressprävention enorm bewährt.

Der «Narr» auf der Bühne hält Organisation und Mitarbeitenden den Spiegel vor

Im Präventionsbereich ortet Jan Weissenfels, Projektleiter und Regisseur des Forumtheaters Zürich, neben dem Umgang mit betrieblichen Veränderungen denn auch eine enorme Stärke des Unternehmenstheaters. «Indem wir den Finger auf wunde Punkte legen, provozieren und Szenen aus dem Geschäftsalltag zuspitzen, wecken wir die Leute sehr rasch auf. Da wir ihnen nie sagen, ‹Schauen Sie, genau so läufts bei Ihnen›, fühlen sich die Leute nicht bevormundet oder beleidigt.» Spielerisch spricht der «Narr» auf der Bühne für die Mitarbeiter Unaussprechliches aus, hält Organisation und Mitarbeitenden den Spiegel vor. Und das grosse Plus: Die Szenen bleiben besser haften, als wenn das Thema mittels Powerpoint-Folien im Frontalunterricht abgehandelt wird.

Denn Kopfwissen führt nicht automatisch zu verändertem Handeln.

Dass Theatermethoden immer häufiger in betrieblichen Weiterbildungen eingesetzt werden, gründet unter anderem in der momentan stattfindenden Diskussion um neue Lernkulturen. «Theater bietet eine Lernumgebung, in der das Gelernte nachhaltig zu Transfer und Veränderung führt, praxiswirksam und dauerhaft», ist Weissenfels überzeugt. Doch in der intensiven Wirkung von Unternehmenstheater liegt auch eine gewisse Gefahr. Die Zuschauer fühlen sich mitunter überrumpelt. «Daher ist es unabdingbar, dass die Firmen das behandelte Thema danach intern weiterbearbeiten», betont Urs-Anders Graf, «sei dies in Form von Coachings oder im Rahmen von Kursen.» Dies ist auch bei ABB der Fall. «Wir haben gemerkt, dass wir die Reflexionszeit in unseren Kursen ausdehnen und die angestrebte Veränderung mittels Diskussionen absinken lassen müssen.»

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