Mrz 18

Mittlerin zwischen Nahost und West, die in beiden Kulturen zuhause ist.

Autor: HRToday

Linda Jardanehs Familie verliess Saudi-Arabien, als sie noch ein Baby war. Aufgewachsen in der Schweiz, lebt die HR-Direktorin der Beiersdorf Schweiz AG in zwei Kulturen. So sieht sich die zur Unabhängigkeit erzogene Frau als Brückenbauerin – bei der Arbeit als Eisbrecherin, privat als Gastgeberin, die ihre Freunde mit arabischen Spezialitäten verwöhnt (ein Beitrag von:  Sabine Schritt, HR Today).

Wenn man ihre Schilderungen so hört, sieht man vor dem geistigen Auge Bilder aus 1001 Nacht. Farben und Gerüche des Orients scheinen sich über das Gespräch zu legen. Linda Jardeneh wurde in Saudi Arabien geboren, wo ihre Eltern, beide palästinensischer Herkunft, viele Jahre lebten. Die Familie wanderte in die Schweiz aus, als Linda Jardaneh einen Monat alt war. Mit ihren Wurzeln im Nahen Osten pendelt die HR-Direktorin von Beiersdorf Schweiz seither zwischen zwei Kulturen.

Erst wohnte die Familie im Schweizer Mittelland, später in Basel, wo Linda Jardaneh und ihre zwei jüngeren Geschwister auch zur Schule gingen. Als Jugendliche war sie schon immer ein bisschen anders als andere, erzählt sie. «Wir sind eine sehr liberale Familie und waren schon damals sehr integriert», sagt sie. Trotzdem: Obwohl sie akzentfreies Deutsch sprach, lebte sie innerhalb der Familie auch immer eine zweite Kultur. 1994 schloss sie ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften in Basel ab und wollte herausfinden, wohin sie denn eigentlich gehört.

Der Wunsch, wissen zu wollen, wer sie ist, erzählt sie, führte sie in ihre jordanische Heimat zurück, um ihren Wurzeln nachzuspüren. Nicht als regelmässiger Feriengast, sondern im Alltag eingebunden. Als Gastgeberin und Kennerin beider Sprachen und Kulturen betreute sie die deutschsprachigen Reisenden für einen lokalen Reiseanbieter in Amman. «Jordanien ist ein wunderbares Kulturreiseland», schwärmt sie. Geschichtsinteressierte ziehe es in die Felsenstadt Petra aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, ans Tote Meer oder zu Reliquien aus der römisch-byzantinischen Zeit und der altgriechischen Epoche. Architekten und Ingenieure bestaunen die Baulandschaft und Naturliebhaber geniessen die Wüsten- und Berglandschaften.

Sich selbst wegrationalisiert

Linda Jardaneh

Nicht nur ihr Schweizer Pass macht Linda Jardaneh zur Schweizerin. Geschätzt wurde sie in Jordanien vor allem für ihre, wie sie sagt, «sehr schweizerische Arbeitshaltung: Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein und Geradlinigkeit. Mein Wort galt, und das ist in Jordanien nicht so üblich.» Da habe sie so manche List anwenden müssen, um ihre Verpflichtungen Europa gegenüber einhalten zu können. Der Name «Jardaneh» steht in Jordanien für eine grosse Familie, zu der auch Parlamentarier und ein langjähriger Finanzminister gehören. «Wer den gleichen Namen trägt, ist irgendwie über sieben Ecken miteinander verwandt, das ist anders als hier.» Die Familie Jardaneh stammt aus Nablus, aus dem israelisch besetzten Gebiet Palästinas in der Westbank, rund 70 Kilometer von Jerusalem entfernt.

Am Ende ihres zweieinhalbjährigen Aufenthaltes in Jordanien hatte sie eine Erkenntnis:

«Es gibt gar nichts zu entscheiden, beide Kulturen gehören zu mir.»

Das Dienstleistungsthema, Menschen eine gute Zeit zu ermöglichen und sie zu begleiten, hat sie auch nach ihrem Einsatz im Tourismus weiterverfolgt. HR ist für sie eine besondere Dienstleistung und «hat auch so etwas wie eine Gastgeberrolle». Ihre ersten operativen Erfahrungen sammelte Linda Jardaneh in der Papierindustrie. In ihrer nächsten Position bei Axair wurde sie als HR-Assistentin kurz nach Stellenantritt mit einer Standortverlagerung konfrontiert und quasi ins kalte Wasser geworfen. Unter anderem hat sie sich selbst wegrationalisiert und wurde gekündigt, anschliessend stieg sie im Alter von 32 Jahren als HR-Leiterin bei Beiersdorf Schweiz ein.

Im damaligen Geschäftsführer fand sie einen Mentor, der an sie glaubte und sie immer wieder bestärkte, auch wenn sie mal an sich zweifelte. Er sagte ihr: «Sie stolpern nur über ihre hohen Ansprüche.» Noch heute ist ihr Feedback wichtig. Wenn ihre Dienstleistungen wie Beratungsgespräche im Unternehmen angenommen werden, ist es für sie eine wertvolle Bestätigung ihrer Arbeit. Nachdem sie sich ein Jahr als HR-Leiterin bewährt hatte, wurde sie in die Geschäftsleitung aufgenommen. Durch ihre eigene Biografie hat sie ein spezielles Gespür für andere Kulturen, die sich auch bei Beiersdorf in der Belegschaft finden. Sie sieht sich selbst als Brückenbauerin, aber auch als Eisbrecherin unter verschiedenen Kulturen. «Und wenn ich nur sage: ‹Mein Name ist auch nicht ganz so einfach…› hilft das schon.»

Sie erwartet von ihren Mitarbeitenden, dass sie sich auch mal durchbeissen. «Wenn ich bei ihnen das Kämpferische entdecke, wie ich es selbst in mir habe, bin ich richtig beglückt.» Gerade bei den Trainees sucht sie solche Eigenschaften. «Um jeden Zentimeter Regal für unsere Produkte müssen wir kämpfen. Für jedes Stück, das beim Konsumenten im Einkaufskorb landet. Phlegmatische Menschen, die sich treiben lassen, sind bei uns am falschen Ort.»

Für verrückt erklärt

Die strategische Konzernentscheidung, Logistik-, Lagerstandorte sowie die Finanzbuchhaltung effizienter zu gestalten, hatte einen Abbau von 33 Arbeitsplätzen in Münchenstein zur Folge. «Fast vier Jahre lang wussten wir, dass etwas passiert, aber nicht genau, was oder wann.» Schon in dieser Phase begann sie, mit den betroffenen Mitarbeitenden zu sprechen, sie darauf vorzubereiten, dass gewisse Arbeitsplätze nicht mehr sicher waren und dass sich etwas verändern wird. Auch für Linda Jardaneh eine emotional sehr schwierige Situation.

Im Konzern habe man sie für verrückt erklärt, als sie lange vor der definitiven Entscheidung diesen transparenten und kommunikativen Weg wählte. «Dir laufen doch die Leute davon, sagten sie. Aber ich hatte in der unsicheren Situation keine Fluktuation. Wenn jemand weiss, dass er morgen da draussen eine andere Stelle findet, kann er auch bleiben. Wir wollten, dass die Leute befähigt sind, zu gehen, aber bereit, zu bleiben.»

Nach diesem Grundsatz «Able to go but willing to stay» bereitete sie die Logistik-Mitarbeitenden auf eine Veränderung vor, fragte immer wieder: «Was machst du, wenn die Logistik aufgelöst wird?», und bot diverese Trainings an, die helfen sollten, sich selbst einzuschätzen und sich neu zu bewerben. Im

November 2009 wurde die Entscheidung dann verkündet. Sie konnte den Mitarbeitern der Logistik sagen: «Ihr wisst Bescheid, nun ist es so weit.» Die Einzelgespräche führte sie alle persönlich, hat erfahren, dass Mitarbeitende sich um kranke oder behinderte Verwandte kümmern oder diese mitfinanzieren müssen. Geballt kamen ihr die Einzelschicksale entgegen. «Als HR-Direktorin darf man nur begrenzt mitfühlen, aber es ging mir sehr nahe.» Damit sie in dieser Phase bei Kräften blieb, hat sie sich selbst von einem Coach begleiten lassen.

Und Sie selbst, ist sie denn ebenfalls «able to go»? «Auch ich bin in einem Change-Prozess. Im Moment ist meine Wegrationalisierung zwar nicht aktuell, aber wer weiss?» Sie könne sich gut vorstellen, das HR zu verlassen. Und ihr Herzblut? «Das liegt in der Gestaltung für Menschen», kommt die Antwort prompt. Da gebe es zum Beispiel auch in der Integrationsthematik viel zu tun. Aber auch in einem grösseren Unternehmen könnte eine Zukunft der HR-Generalistin Jardaneh liegen, die dann gerne etwas mehr strategisch und gestalterisch tätig wäre. «Eine Spezialisierung auf das betriebliche Gesundheitsmanagement wäre ebenfalls denkbar», sagt sie auf die Frage, welche Stationen für sie noch kommen könnten.

«Schlechte Führung kann krank machen, schlechte Organisationsstrukturen können krank machen, eine nicht effiziente Kommunikationsweise kann krank machen.»

Linda Jardaneh frustrieren vor allem Endlosschleifen. «Ewige Diskussionen und dann wieder zurück auf Anfang – schrecklich.» Sie ist dafür, lieber einen Moment länger in einer Entscheidungsfindung zu verbringen, dann aber konsequent dabei zu bleiben. «Es gibt nichts Schlimmeres, als immer wieder Entscheidungen zu revidieren oder nachzubessern.»

Sprechen, um denken zu können

Jardaneh lernte früh, Entscheidungen zu treffen. Schon die Schulwahl überliess der Vater der 11-jährigen Linda selbst. Ihre Primarlehrerin empfahl sie nicht für das Gymnasium. Aber Linda wollte unbedingt. Sie war zwar sprachbegabt, doch für Mathematik hatte sie nicht viel Talent. Ihr Vater liess sich nicht erweichen und sie musste die Formulare für den Übertritt selbst ausfüllen. Egal für welchen Weg sie sich entscheide, er würde unterschreiben, das gab der Vater ihr mit auf den Weg.

Stunden habe sie vor diesem Formular gesessen und sich schrecklich allein gefühlt. «Heute bin ich meinem Vater sehr dankbar, es war eine gute Lehre.» Sie musste sich in Mathematik und Naturwissenschaften überdurchschnittlich anstrengen, der Vater zahlte Nachhilfestunden. Auch eine Ehrenrunde legte sie hin, schaffte aber letztlich eine gute Matura. Erzogen zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, ist Jardanehs Gesellschafts- und Menschenbild von Kindheit an von Unabhängigkeit geprägt. Der Vater wollte nie, dass seine Töchter von einem Mann dominiert werden. «Wenn es nicht mehr passt, dann geht ihr und könnt für euch selber sorgen», hat er den Töchtern immer gesagt.

So wurde ihr ein harter zweiter Bildungsweg erspart, den eine Schweizer Schulfreundin in späteren Jahren absolvieren musste, weil der Vater ihr das Gymnasium verwehrt hatte. «Sie grollt ihrem Vater heute noch. Und ich habe meinen Weg genossen.» Heute ist Linda Jardaneh eine leidenschaftliche Netzwerkerin; das brauche eine Sprechdenkerin wie sie. «Ich muss sprechen, um zu denken», erklärt sie. «Ich brauche das Gespräch, um Dinge zu entwickeln und voranzutreiben.»

Auch privat ist Jardaneh gerne Gastgeberin, verwöhnt ihre Freunde mit arabischer Küche. In ihre zweite Heimat Jordanien reist sie immer wieder gerne und nimmt ab und zu auch kleine Reisegruppen mit, denen sie den Orient nahe bringt. Jardaneh hält zu vielen Menschen regen Kontakt, schätzt den Austausch, «der gerade für eine Sprechdenkerin sehr inspirierend ist.»

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