Jun 22

Schummeln, Schönfärben und Schwindeln – Normalfall auf dem Arbeitsmarkt?

Autor: HRToday

Schönfärberei ist en vogue. Allerdings nicht nur auf Bewerberseite, auch Firmen versprechen in ihren Stelleninseraten oft das Blaue vom Himmel herunter. Grund genug für beide Seiten, sich nicht vom schönen Schein blenden zu lassen (ein Beitrag von: HR Today).

Nimmt der Bewerbungsbetrug epidemische Ausmasse an? Wie ernst zu nehmen sind Schreckensmeldungen in den Medien, wonach in Australien, Südafrika oder Frankreich der «CV Fraud» offenbar bereits zur Tagesordnung im Rekrutierungsprozess gehört? Und noch interessanter: Wie genau nehmen es Bewerber hierzulande mit der Wahrheit? Wissenschaftliche Studien gebe es dazu nicht, erklärte Norbert Thom, Professor für Personalmanagement und Leiter des Instituts für Organisation und Personal in Bern, im Gespräch mit HR Today bereits im vergangenen September (HR Today 9_07, Seite 39), und solche könne es auch gar nicht geben. Einerseits sei der Forschungsgegenstand kaum einzugrenzen. Andererseits stellten die äusserst komplexen Vergleichsgruppen die Forschung vor die Schwierigkeit, definieren zu müssen, wovon in einer solchen Studie überhaupt die Rede sein soll. Kurz gesagt: «Wo hört die Schönfärberei auf und wo beginnt der Betrug?»

Fehlendes Problembewusstsein?

«Ist es eher das Problem oder aber nur das Problembewusstsein, das bei uns (noch) weniger ausgeprägt ist als anderswo?», fragt dagegen Peter Vonlanthen, Geschäftsleiter KV Zürich, in seiner durchaus provokativ gemeinten Schrift «Alle lügen». Der KV Zürich mit seinen 20000 Mitgliedern sei täglich mit Lug und Trug im Rekrutierungsprozess konfrontiert – Grund genug, sich einmal eingehend mit der Problematik zu befassen, erklärt Vonlanthen. Im Februar 2008 hat auch der international tätige Personaldienstleister Kelly Services in einer Umfrage immerhin 16 Prozent von 2100 befragten Schweizern das Geständnis entlockt, sie hätten in einem Bewerbungsgespräch schon einmal «unaufrichtige Angaben» gemacht.

Unaufrichtige Angaben? Gerade diese doch eher vage Formulierung zeigt, wie gross der Graubereich bei diesem Thema ist. Was bedeutet denn «unaufrichtig» genau? Auf welche Frage wurde ausweichend oder nicht ganz wahrheitsgetreu geantwortet? Und: Versteckt sich hinter der Unaufrichtigkeit überhaupt ein bösartiger Betrugsversuch? «Typischerweise werden in Bewerbungsunterlagen die für eine Stelle erforderlichen Kenntnisse so umgewichtet, dass sie ideal mit dem Anforderungsprofil zusammenpassen, egal, wie weit davon entfernt die Realität liegen mag», erklärt Vonlanthen. «Nur: Zwischen der Herausstellung von vorhandenen Fähigkeiten und der Betonung von Randkenntnissen klafft halt eine Lücke unkontrollierter Beliebigkeit.» Anders gesagt: Wer wollte sich selbst aus dem Rennen um einen spannenden Job werfen, indem er oder sie in der kurzen Zeit, die Personalverantwortlichen bekanntlich zur Durchsicht eines Dossiers zur Verfügung steht, die Aufmerksamkeit ausgerechnet auf eine vermasselte Diplomprüfung oder die halbjährige Arbeitslosigkeit vor zehn Jahren lenkt?

Überall nur High Potentials

«Alle lügen», titelte Vonlanthen seine Schrift und meint mit «alle» nicht alle ­Bewerber, sondern alle am Arbeitsmarkt Beteiligten – also auch die Unternehmen. Insbesondere deren gegenwärtig fast schon hysterisch anmutende Suche nach «den Besten» hält Vonlanthen für kontraproduktiv. In fast allen Stelleninseraten werde nach «High Potentials» gesucht, egal, ob es sich bei der ausgeschriebenen Stelle um einen kaufmännischen Mitarbeiter handle oder eine Abteilungssekretärin. Ein Hauswart sei heute ein «Facility Manager», der bitteschön auch über einen Fachhochschulabschluss verfügen müsse, amüsiert sich Vonlanthen und folgert:

«Unrealistische Ansprüche ziehen unrealis­tische Bewerbungen nach sich.»

Diese Ansicht wird von anderen Personaldienstleistern geteilt. Oft würden akademische Grade gefordert, die durch die hierarchische Position im Unternehmen gar nicht gerechtfertigt seien – was zu Frust beim «High Potential» führen müsse, ist etwa zu hören, und ein erfahrener Headhunter, der nicht namentlich genannt werden möchte, kommentiert die Redlichkeit von Bewerbern und Unternehmen lakonisch: «Beide Seiten bleiben einander nichts schuldig.»

IT – gutes Fälscherwerkzeug?

Im Gespräch mit Personalverantwortlichen grosser Firmen, die jährlich sehr viele Bewerbungen zu prüfen haben, zeigt sich aber: Ernsthafte Betrugsversuche, die sogar Dokumentenfälschung beinhalten, sind selten. Die selbsternannten Doktoren, Ingenieure und Finanzexperten bleiben Einzelfälle. Im Normalfall beschränkt sich die «Schummelei» offenbar auf eine Lücke im CV, die mehr oder weniger kreativ erklärt wird, oder auf vermeintliche Berufs­erfahrung, die sich auf Nachfrage eher als Schnupperlehre erweist.

Tatsächlich finden die entschlossenen Fälscher in der heutigen Technik nützliche Werkzeuge.

So erfordert etwa die Änderung einer Zahl in einem Dokument im PDF-Format kein IT-Expertenwissen. Dort, wo Zertifikate in Massen produziert werden, könnten sich digitale Verschlüsselungssysteme durchaus als nützlich erweisen. Tatsächlich prüfen gegenwärtig einige Universitäten in Europa den Einsatz von digitalen «Siegeln», um ihre Diplome fälschungssicher zu machen. Beim Personalverantwortlichen des kleinen oder mittleren Unternehmens, der jährlich nur wenige Dutzend Bewerbungsdossiers zu prüfen hat, gilt aber nach wie vor: Genau hinschauen!

Ungleiche Spiesse beim Mogeln

Ist vom Bewerberbetrug die Rede, sind Opfer- und Täterrollen meist stereotyp verteilt: Die Bewerber mogeln, die Unternehmen sind die Geschädigten. Als Interessenvertreter seiner Verbandsmitglieder weist Vonlanthen allerdings auf einen Punkt hin: «Bei einer Täuschung durch das Unternehmen sieht es für neue Mitarbeitende erheblich schlechter aus als im umgekehrten Fall.» Angestellte, die auf eine wohlklingende Jobbeschreibung «hereinfallen», seien bestenfalls um eine Erfahrung reicher, müssten sich aber mit den Folgen einer Kündigung, der erneuten Jobsuche, drohender Arbeitslosigkeit, dem RAV, Taggeld etc. herumschlagen. «Drum prüfe, wer sich binden will» mag man da – frei nach Schiller – nicht nur Partnersuchenden, sondern auch all jenen raten, die sich auf die Suche nach fruchtbarer Zusammenarbeit begeben.

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