Mrz 23

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was (Gefährliches) erleben.

Autor: HRToday

Mitarbeitende auf Reisen und Expats leben oft nicht ungefährlich: Sie können von Unfällen über Krankheiten bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen sein. International SOS bietet Unternehmen medizinische Hilfe und Lösungen in Sicherheits­fragen, damit deren Mitarbeitende ihre Arbeit sicher erledigen und gesund heimkehren können. (Ein Beitrag von: Marianne Rupp, HR Today).

 Unternehmen sind für ihre reisenden Mitarbeitenden und Expats verantwortlich, wieso braucht es International SOS?

Ghislain de Kerviler

Ghislain de Kerviler: Wir unterstützen die Firmen, die Sorgfaltspflicht ihren Mitarbeiten gegenüber besser wahrzunehmen – bei der Planung und Erstellung von Präventionsprogrammen bis hin zur raschen Notfallhilfe. Keinesfalls nehmen wir ihnen aber die Verantwortung ab.

 Was sind das für Präventionsprogramme?

G.dK.: Das können Kurse für bestimmte Länder, E-Learning-Tools, etwa zu Malaria, oder Informationen, beispielsweise über Impfungen, sein. Wir unterstützen die Firmen durch eine individuelle Erstellung eines «Emergency Response Plan». Aber auch Gesundheitschecks, so genannte «Pre-Employment Screenings», werden durchgeführt. Diese zeigen, ob ein Mitarbeitender fit für die Arbeit im Ausland ist. Gabrielle Mauron: Wenn ein Mitarbeitender mit Asthma bestens arbeitstauglich in der Schweiz ist, kann sich das in tropischen Breitengraden durchaus ändern. Solche Bedingungen klären wir mit diesen Gesundheitschecks ab.

 Wie muss man sich die Notfallhilfe vorstellen?

G.M.: Während des Wochenenddienstes bekam ich einen Anruf von einem unserer Partnerärzte in einer kleinen Klinik in Nigeria. Ein Mitarbeiter einer Firma war eingeliefert worden, er klagte über Übelkeit und hatte Fieber. Es bestand der Verdacht auf Neuro-Malaria. Diese Erkrankung muss innerhalb weniger Stunden behandelt werden, denn sie greift das Gehirn an. Der Patient musste so schnell wie möglich ausgeflogen werden, um eine bestmögliche Behandlung zu erhalten. Umgehend haben wir den 45-minütigen Transport zur nächsten Stadt mit Flughafen sowie eine Sicherheitseskorte organisiert, da es in Nigeria mitten in der Nacht war. Das Ambulanzflugzeug brachte den Mann in die nächste bestgeeignete Klinik.

G.dK.: Nicht immer sind es Fälle auf Leben und Tod. Es kann auch darum gehen, einen guten Zahnarzt in einer chinesischen Kleinstadt zu finden, weil der Sohn eines Expats heftige Zahnschmerzen hat. Wir bieten dann eine Praxis mit europäischem Standard an und sorgen auch für den geeigneten Transport, sei es auf Land- oder Luftweg. Mit Hilfe unserer weltweit 60’000 Partnerfirmen finden wir immer die bestmögliche Lösung. Kaum eine Firma verfügt über unser Netzwerk und lokales Wissen, um ihren Mitarbeitenden in fernen Ländern konkret zu helfen.

G.M.: Unsere Organisation darf übrigens in allen Ländern landen. Unsere Ärzte, die im Ambulanzjet mitfliegen, profitieren von speziellen Einreisebedingungen, die in Notfällen im Ausland den gesamten Prozess – von der Evakuierung bis zum Rücktransport – erleichtern.

 Wie arbeiten Sie mit den Firmen zusammen?

G.dK.: Abhängig von der Organisation der Firma und den Kundenwünschen erarbeiten wir spezifische Prozesse. In jeder Firma haben wir eine Ansprechperson. Idealerweise ist diese Ansprechperson ein Betriebsarzt, damit es keine Diskussionen gibt rund um den Datenschutz der sensiblen Patienteninformationen und damit wir von Fachperson zu Fachperson sprechen können. In der Schweiz haben viele, auch grosse Unternehmen keine Betriebsärzte. Wenn die Firma es möchte, können unsere Ärzte diese Funktion über­nehmen, um die nötigen Entscheidungen zu treffen. Ausserdem arbeiten wir mit den HR- und den Sicherheitsverantwortlichen zusammen.

 Wer entscheidet, was die beste Lösung für einen Expat mit Problemen ist – Sie oder die Ansprechperson in der Firma?

G.dK.: Je nach Vertrag. Wir geben jedoch zwei Dinge zu bedenken: Ist derjenige, der entscheidet, 24 Stunden während sieben Tagen erreichbar? Kann er entscheiden, ob der Mitarbeitende in Afrika nur simple Kopfschmerzen hat oder ob es der Beginn einer Malaria ist? Die meisten Ansprechpersonen fühlen sich sehr unwohl, wenn sie solche Verantwortungen übernehmen müssen. Normalerweise befolgen sie unsere Ratschläge, denn das Risiko tragen schlussendlich immer die Unternehmen. Es gibt aber medizinische Fälle, in denen wir bestimmen müssen, was das Beste ist.

 Wer bezahlt Ihre Einsätze?

G.dK.: Die Versicherungen der Firmen.

Wie viel Einspracherecht hat eine Versicherung, gerade wenn es um teure Evakuierungen mit einem Ambulanzjet geht?

G.dK.: Je nach Vertrag, den wir mit der Firma ausarbeiten. Manche geben uns freie Hand. Auf alle Fälle müssen wir aber der Versicherung Bericht erstatten. Für uns ist es jedoch wichtig, dass nicht die Versicherung allein entscheidet, denn sie betrachtet die Fälle oft nach rein finanziellen Gesichtspunkten.

G.M.: Wir beachten auch den sozialen Kontext. Ein Beispiel: Eine schwangere Frau in Afrika hat Komplikationen und steht kurz vor der Geburt. Finanziell betrachtet würde man sie nach Johannesburg in Südafrika bringen, wo sie eine gute medizinische Behandlung erhalten würde. Da aber ihre Familie in Frank-reich lebt und sie dort auch nach der Geburt Unterstützung findet, plädierten wir dafür, sie nach Frankreich auszufliegen. Mit unserer Empfehlung war die betreffende Firma auch einverstanden.

Sind sich Schweizer Unternehmen ihrer Pflichten und auch der Risiken bewusst, wenn sie Leute ins Ausland schicken?

Manchmal ist der Ambulanzjet Ultima ratio.

G.dK.: Sie sind sich ihrer Sorgfaltspflicht bewusst, wissen aber nicht, was konkret zu tun ist, wenn etwas passiert. Auch beim Thema Reisebewegungen der Mitarbeitenden sind sie nicht auf dem Laufenden. Fragen Sie ein Grossunter-

nehmen, wo einer ihrer zahlreichen regelmässig reisenden Mitarbeitenden gerade ist – hier den Überblick zu behalten, ist für Firmen schwierig. Wir bieten daher ein Tool an, mit dem die Unternehmen live wissen, wo auf der Welt ihre Mitarbeitenden sind. In vielen Firmen ist auch nicht immer klar geregelt, wer für das Travel Risk Management zuständig ist.

 Jede Bewegung eines Mitarbeitenden überwachen …?

G.dK.: Es geht nicht um Überwachung im negativen Sinn, sondern um Risk Management und darum, die Sorgfaltspflicht wahrnehmen zu können und den Mitarbeitenden bei Bedarf zu helfen.

G.M.: Der Ausbruch des isländischen Vulkans in diesem Frühling bot ein Paradebeispiel: Viele Firmen wussten nicht, wo ihre Mitarbeitenden gestrandet waren. Dank unseres Systems war der Aufenthaltsort bekannt und wir konnten notfalls helfen, wie etwa jenem Mann, der in London festsass und keine Medizin mehr hatte gegen seine Diabetes.

G.dK.: Beim Travel Risk Management geht es auch um Prävention. Die Unternehmen haben Zugang zu unserem Onlinesys-tem, das dem Mitarbeitenden verschiedene Infos über sein Reiseland gibt, bevor er überhaupt ein Flugticket bestellt; etwa welche Impfungen nötig sind, welche Bräuche er beachten muss. Zudem erhalten die Kunden online und seit neuestem auch auf ihrem BlackBerry einen der 200 angebotenen Country-Guides, die die Reisesicherheit samt Ratschlägen angeben und auch Städteinfos beinhalten. Vom BlackBerry aus können sich die Reisenden zudem direkt mit dem nächs-ten Alarmcenter verbinden lassen.

 Wie unterstützen Sie Reisende, während sie unterwegs sind?

G.dK.: Wir informieren mit SMS, wenn in einer Region etwas passiert. Wir haben 200 Sicherheitsspezialisten. Jeder Spezialist ist für eine Region zuständig, die 10 Länder umfasst. Sie analysieren stündlich, was sich im Land ereignet, vom Verkehrsstreik über Bomben­alarm bis zum Flugzeugabsturz, oder medizinische Aspekte wie Seuchen und Ausbruch von Krankheiten. Unsere Kunden erhalten so die aktuellen Informationen zusammen mit unserem Ratschlag.

G.M.: Meistens geht es auch nicht um Bomben oder Krieg. Viele Reisende denken, ihnen passiert nichts, weil sie ja nur nach England oder Amerika gehen. Tatsächlich sind diese Länder als «low risk» definiert. Aber in solchen Ländern gibt es andere Fragen, andere Lebensgewohnheiten, über die man auch Bescheid wissen muss. Versuchen Sie beispielsweise in Amerika, von einem Spital aufgenommen zu werden ohne Cash oder ohne Kreditkarte…

 Wann werden Sie häufiger beigezogen, in medizinischen Fällen oder bei Sicherheitsfragen?

G.dK.: Das lässt sich nicht immer klar trennen. Ein Beispiel: Nach dem Erdbeben in Haiti im Januar haben wir rund 100 Evakuierungen durchgeführt. Manchmal ging es darum, eine einzelne verletzte Person per Helikopter abzuholen und auszufliegen. Die Menschenmassen, die ebenfalls mitfliegen wollten, bargen ein Sicherheitsrisiko. Deshalb haben wir immer einen Arzt und einen Sicherheitsspezialisten geschickt.

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