Aug 18

Wenn Sprechen stört.

Autor: HRToday

Unangenehmen Bürolärm kann der Mensch bis zu einem gewissen Grad aus seinem Gehörfeld herausfiltern – also bewusst überhören. Bei menschlicher Sprache hingegen geht dies kaum. Gespräche sind denn auch das häufigste Lärmärgernis im Grossraumbüro (ein Beitrag von: Sabine Schritt, HR Today).

Die Kollegin hämmert in die Tastatur, im anderen Büro hört das Telefon nicht auf zu klingeln. Auf dem Flur unterhält sich eine Gruppe von Kollegen lautstark über das letzte Fussballspiel des Lieblingsclubs, nebenan rauscht der Kopierer. Geräusche umgeben uns immer und überall. «Jeder Fünfte fühlt sich am Arbeitsplatz durch Lärm gestört», erklärt Beat Hohmann, Bereichsleiter Physik bei der Suva. Geräte seien jedoch in den letzten Jahren viel leiser geworden und die Lärmentwicklung sehr zurückgegangen. «Lüfter von Laptops hört man so gut wie nicht mehr.» Was sich hingegen laut Hohmann besonders störend auswirkt, sind Störungen durch Sprache. «Das ist zwar keine völlig neue Erkenntnis, hat sich aber im Laufe der letzten Jahre immer deutlicher gezeigt, besonders im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Trend zu Grossraumbüros.»

Auf menschliche Sprache reagiere der Mensch anders als auf informationslose Geräusche, so Hohmann. Die grösste Leistung sei nicht, was wir hören, sondern, was wir überhören, um das Gehirn bei der Informationsverarbeitung zu entlasten. Dieser Prozess funktioniert aber bei menschlicher Sprache nicht. Einen summenden Drucker können wir mit der Zeit überhören, die menschliche Sprache nicht. «Das ist wie ein Reflex», sagt der Experte. «Die Hauptfunktion unseres Gehörsinns ist die Kommunikation, wir sind darauf getrimmt, sofort hinzuhören, sobald ein Fetzen menschlicher Sprache zu hören ist – selbst wenn es sich um eine fremde Sprache handelt.»

Sprache als Störgeräusch kann man also nicht gleich beurteilen wie irgendein Maschinen-geräusch. Der Mensch kann selbst über grössere Distanzen Sprache so gut verstehen, dass die permanente Anstrengung, unnötige Sprachinformation einfach zu überhören, die Konzentration beeinträchtigen und zu einer echten Belastung werden kann. Bis hin zum Stress. «Die häufigste Klage von Mitarbeitern in einem Grossraumbüro sind Störungen durch Gespräche anderer», bestätigt Hohmann.

Fremde Gespräche erhöhen die Fehlerquote

Forscher der Universität British Columbia in Vancouver, Kanada, haben herausgefunden, dass regelmässiger Lärm am Arbeitsplatz das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen kann. Wer seine Stimme erheben muss, um mit seinen Arbeitskollegen kommunizieren zu können, arbeitet in einer Umgebung, die deutlich zu laut ist. Die Erfahrungen der Suva in Büros zeigen, dass Lärm, der von Büromaschinen, Lüftungen, Klimaanlagen und fremden Gesprächen ausgeht, uns bei der Erledigung unserer Arbeiten stört. Dieser Lärm macht uns auf die Dauer müde, gereizt und weniger leis-tungsfähig. Besonders wenn es sich um Aufgaben handelt, die das Kurzzeitgedächtnis beanspruchen. Untersuchungen an der Universität Lausanne haben gezeigt, dass fremde Gespräche die Fehlerquote um 10 bis 40 Prozent erhöhen können. Wer immer wieder durch Ablenkungen aus seiner Arbeit gerissen wird, bringt letztlich nicht mehr die volle Leistung.

Musik kann dazu dienen, andere störende Geräusche zu überdecken

Dass Mitarbeiter ständig durch Gespräche anderer abgelenkt würden, sei kein böser Wille, erklärt Hohmann. «Weghören fällt eben schwer. Wir müssten quasi unsere gute Sprachverständlichkeit ständig bekämpfen.» Kurzzeitig klappe dies erstaunlich gut. In Bezug auf die Leistung habe sich gezeigt, dass man die Lärmeffekte eine Zeit lang kompensieren könne. «Aber irgendwann ist das Gehirn überfordert und es zeigen sich deutliche Leistungseinbussen.»

Neben allen anderen Geräuschkulissen ist in manchen Büroräumen noch Musik zu hören. «Es ist Sache des Arbeitgebers zu beurteilen, wann und wo er das Musikhören zulassen kann», sagt Hohmann. Wer zum Beispiel einen Stapler führt, im Betrieb unterwegs ist oder Alarmsignale oder auch das Funktionsgeräusch seiner Maschine hören muss, dürfe bei der Arbeit sicher nicht Musik hören. Musik könne aber durchaus dazu dienen, andere störende Geräusche oder eben Gespräche zu überdecken und so das konzentrierte Arbeiten zu erleichtern.

«Bei anspruchsvollen Arbeiten auf höherem Konzentrationsniveau wirkt sich Musik dagegen eher negativ aus.»

Für mehr Ruhe im Büro sorgt auf jeden Fall eine vernünftige Raumakustik. Sie ist nach Arbeitsgesetz in allen Räumen mit ständigen Arbeitsplätzen Pflicht und wird meist mit einer schallabsorbierenden Decke realisiert. Hohmann empfiehlt dies aber auch für alle Sitzungszimmer und Pausenräume. Dort sei die Sprachverständlichkeit wegen unnötigen Nachhalls und störender Reflexionen oft nicht gegeben. «Das strengt auf die Dauer sehr an, gerade Personen, die nicht mehr so gut hören.» Darüber hinaus sind weitere Massnahmen in Betracht zu ziehen: Ein Teppichbelag zum Beispiel dämpft Gehgeräusche und schluckt hohe Töne. «Eine sinnvolle Verbesserung nicht nur auf der ‹Teppich-Etage›», meint Hohmann.

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