Mai 2

Bittere Spargeln: Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft.

Autor: HRToday

HR TodaySpargel, Erdbeeren, Bohnen: In der Schweizer Landwirtschaft ernten Saisonarbeiter Gemüse und Früchte zuweilen unter prekären Bedingungen. Ein Forschungsprojekt am Geographischen Institut der Uni Zürich ging der Frage nach, ob ein Fair-Trade-Label die Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte verbessern könnte. (Ein Beitrag von: Sabina Mächler, HR Today).

Etwa 30’000 Personen sind offiziell in der Schweizer Landwirtschaft angestellt. Die meisten davon sind saisonal Beschäftigte aus Polen, Bulgarien, Rumänien, Portugal oder anderen EU-Ländern – mit Arbeitsverträgen von drei bis neun Monaten. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von illegal Beschäftigten. Darunter sind viele Verwandte von bereits in der Schweiz ansässigen Migrantinnen und Migranten, die aus Ländern ausserhalb des EU-Raums stammen, da saisonale Arbeitsbewilligungen nur an EU-Bürgerinnen und -Bürger ausgestellt werden.

Arbeitsgesetz gilt nicht

Spargelernte geschieht oft unter prekären Arbeitsbedingungen: Spargelernte, die in der Schweiz zumeist von Saisonarbeitern ausgeführt wird. (Quelle: HR Today, Bild: Pixelio / Bild Frontpage: Bayerischer Spargelblog)

Im Gegensatz zum Baugewerbe unterliegen Arbeitsverträge in der Landwirtschaft weder dem Schweizerischen Arbeitsgesetz, noch existiert für diese Angestellten ein Gesamtarbeitsvertrag. Die meisten Kantone kennen zwar Normalarbeitsverträge, die eingesetzt werden, wenn kein individueller Arbeitsvertrag abgeschlossen wurde. Die kantonalen Differenzen sind jedoch gross und individuelle Verträge dürfen die Standards der Normalarbeitsverträge ohne weiteres unterschreiten. Landwirtschaftliche Arbeitsbedingungen sind ähnlich prekär wie diejenigen von Hausangestellten. Die Löhne bewegen sich gemäss dieser Studie bei rund 3200 Franken pro Monat – mehr als 55 Arbeitsstunden pro Woche sind dabei keine Ausnahme. Neben der harten Arbeit kommen oftmals sozial widrige Bedingungen hinzu: So leben die Gastarbeiterinnen und -arbeiter häufig sozial isoliert auf Bauernhöfen in abgelegenen Orten.

Silva Lieberherr, Doktorandin am Geographischen Institut der UZH, hat mit ihrem Forschungskollegen Awanish Kumarvom Tata Institute of Social Science Mumbai die Lage der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in der Schweiz analysiert. Sie untersuchten, inwiefern die Bedingungen durch die Einführung von Fair-Trade-Produkten – mit einem entsprechenden Label für gute Arbeitsbedingungen – verändern werden könnten. Dazu führten sie zehn Interviews mit Gemüsebauern und Vertretern von Gewerkschaften, Landwirtschaftszentren und Dachorganisationen. Das Projekt wurde im Rahmen einer schweizerisch-indischen Forschungspartnerschaft des Nationalen Forschungsschwerpunkts Nord-Süd durchgeführt.

Enormer Preisdruck

Wie die Forscher feststellen konnten, kommen die zum Teil prekären Bedingungen der Saisonarbeiter nicht von ungefähr. Gemäss den interviewten Bauern steht die Schweizer Landwirtschaft unter enormem Preisdruck. Dieser wird durch eine zunehmende Marktöffnung in der Landwirtschaft sowie durch den Wettbewerb innerhalb des stark konzentrierten Detailhandels verursacht. Daraus ergeben sich aus der Sicht der Bauern zwei mögliche Handlungsstrategien: entweder dem Preisdruck durch weitere Rationalisierungen und tiefe Kosten standzuhalten oder sich mit Nischenprodukten zu etablieren. «Die von uns interviewten Personen glauben jedoch nicht, dass Nischenproduktionen für die grosse Mehrheit der Bauern eine Lösung sein kann», sagt die Geographin Silva Lieberherr.

Unübersichtlicher Label-Salat

Silvia Lieberherr und Awanish Kumar. Gingen in ihrem Forschungsprojekt der Frage nach, ob ein Fair- Trade-Label die Arbeitsbedingungen verbessern könnte: Silvia Lieberherr und Awanish Kumar. (Quelle: HR Today, Bild: zVg)

Eine Lösung könnte darin bestehen, einheimische Fair-Trade-Produkte anzubieten, die für faire Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter und gerechte Löhne stünden. Aus Befragungen ist bekannt, dass geschätzte zehn Prozent aller Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz bereit sind, für faire Produkte auch mehr zu bezahlen. Neben internationalen Fair-Trade-Produkten aus Ländern des globalen Südens ist auch die Schweizer Herkunft mit entsprechenden Labels für viele Kunden ein Kaufargument. Die Idee eines neuen Labels speziell für einheimische Fair-Trade-Produkte wurde von den meisten Interviewpartnern jedoch abgelehnt, da sich Konsumierende in der bereits hohen Anzahl verschiedener Marken und Labels kaum mehr zurechtfinden würden.  Grössere Zustimmung fand der Ansatz, bestehende Labels mit Standards für faire Arbeitsbedingungen zu erweitern. Dieser Form kommt die «Bio Suisse Knospe» nahe. Bio Suisse übernimmt in diesem Bereich eine Vorreiterrolle und hat ihren Richtlinien vor kurzem minimale Grundanforderungen an die Arbeitsbedingungen hinzugefügt. Die Organisation empfiehlt, dass die individuellen Arbeitsverträge mindestens die Bedingungen der kantonalen Arbeitsverträge erfüllen sollen, schreibt aber keine definierten Standards hinsichtlich der Arbeitsbedingungen vor, sondern vertraut auf das freiwillige Engagement ihrer Lieferanten.

Guter Wille oder Recht?

Die Annahme, dass biologische Landwirte gleichzeitig sozial gerechte Arbeitsbedingungen umsetzen, scheint den Autoren angesichts des immensen Wachstums und Konkurrenzdrucks des biologischen Nahrungsmittelmarkts naiv. Kontrollmechanismen sind jedoch schwierig und teuer umzusetzen, bilanzieren die Forscher.  Labels bauen auf die Freiwilligkeit der Endverbraucher und können nicht verhindern, dass parallel dazu günstige Produkte auf Grossbetrieben unter prekären Arbeitsbedingungen weiterhin hergestellt werden. Eine vom guten Willen der Konsumenten unabhängige Möglichkeit wäre, die Anstellungsbedingungen gesetzlich zu regeln oder mindestens die Direktzahlungen des Bundes an soziale Mindeststandards zu binden.

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Comments

One thought on “Bittere Spargeln: Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft.”

  • Wurzelkind sagt:

    Nicht nur Gastarbeiter sind diesem Zustand ausgesetzt. Auch Lehrlinge und Praktikanten, z.T. unter 18 j., schuften bis zu oder zT. mehr als 55 Std. pro Woche. Wenn dann noch schulische Leistungen zu erbringen sind bleibt am Schluss kaum noch Zeit übrig fürs Privatleben. Eine kaum bekannte Tatsache in der Schweiz. Skandalös, dass die Landwirtschaft als einzige nicht dem Arbeitsgesetz untergeordnet ist.


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