Jul 6

Der Wert des deutschen Uni-Abschlusses in der Schweiz.

Autor: HRToday

Deutsche Fachkräfte sind auf dem ausgebrannten Schweizer Arbeitsmarkt hochwillkommen. Innerhalb von zwölf Monaten fanden 10000 Deutsche in der Schweiz eine Anstellung. Anlass zur Besorgnis für die Eidgenossen, weil die Deutschen eine akademischere Ausbildung mitbringen? (Ein Beitrag von: HR Today).

Im Gesundheitssektor werden seit einigen Jahren viele Deutsche beschäftigt. Von gezielter Verdrängung der Schweizer im Arbeitsmarkt kann in diesem Sektor jedoch keine Rede sein, denn «bei gleicher Qualifikation stellen Chefs» wie beispielsweise der Direktor der Zürcher Klinik Hirslanden, Ole Wiesinger «grundsätzlich Schweizer an». Allerdings gelinge es oft nicht, Schweizer mit den nötigen Qualifikationen zu finden, fügt er nach. Für den Grenzbereich zwischen Administration und Pflege beispielsweise benötige die Klinik Hirslanden gegenwärtig Know-how, das in der nötigen Menge auf dem Schweizer Arbeitsmarkt schlicht nicht vorhanden sei. Der Grund laut Wiesinger: «Die Lücke des spezifischen Know-hows ist hierzulande bisher noch nicht in Augenschein gerückt worden.» Krankenhäuser in Deutschland hingegen hätten sich schon länger mit Nischenwissen der Schnittstellen im Gesundheitswesen befasst – deshalb sei das Know-how dort eher verfügbar. «Wir bemühen uns wirklich, Schweizer zu finden», versichert der Direktor, «vielfach bewirbt sich auf eine Stellenausschreibung aber überhaupt keiner.»

Rekrutierungsexperten und Berater werten den Zustrom aus dem Norden primär als ein quantitatives und erst in zweiter Linie als ein qualitatives Problem. Clemens Hoegl etwa, Geschäftsstellenleiter von Egon Zehnder Schweiz, weist auf die Grössenverhältnisse hin: «Die Schweiz ist ungefähr so gross wie die Hälfte Bayerns. Wer hier spezialisierte Führungskräfte sucht, steht sehr schnell an der Grenze.» Jürg Kohlberg, Inhaber des gleichnamigen Zürcher HR-Beratungsunternehmens, bestätigt diesen Befund: «In einzelnen Bereichen finden sich gar keine Schweizer.» 20 Prozent der Führungskräfte, die er im letzten Jahr vermittelte, waren denn auch Deutsche. Dass momentan beileibe nicht nur Ingenieure, Ärzte oder Experten für Bank- oder Versicherungswesen händeringend gesucht würden, weiss auch José San José, Marketing- und Medienverantwortlicher bei Adecco: Dort müssten selbst spezialisierte Kranführer oder Metzgermeister mit Zusatzausbildung schon mal ausserhalb der Landesgrenze gesucht werden.

Liegt es an den Schweizer Ausbildungsinstitutionen? Vermitteln sie nicht diejenigen Fähigkeiten, die die Wirtschaft braucht? «Das Schweizer Bildungsniveau ist eher höher als in anderen Ländern», befindet Hoegl. Der Berner Berufsbildungsexperte Heinrich Summermatter dagegen bezweifelt, dass qualitative Aussagen im Sinne von «Schweizer sind besser» oder «Deutsche sind besser» überhaupt gemacht werden könnten. Grundsätzlich seien die Berufsbildungssysteme der beiden Länder vergleichbar.

Im Gegensatz zu Frankreich oder England verfügen sie über effiziente duale Berufsbildungssysteme, die Praxis und Theorie optimal verbinden.

Falls überhaupt ein Unterschied feststellbar sei, dann höchstens in der Tatsache, dass die Fachhochschulen und Berufsbildungsinstitute in Deutschland stärker formalistisch ausgerichtet seien als in der Schweiz: «Maximale Mitsprache auf allen Ebenen macht das deutsche System insgesamt etwas starr», beobachtet Summermatter. Daraus zu schliessen, dass die Auswirkungen auf die beruflichen Qualitäten der Absolventen gravierend seien, hält er jedoch für falsch. Eine Studie der Bildungsdirektion Zürich, die im Juni 2004 unter Absolventen von Fachhochschulen durchgeführt wurde, bestätigt diese Ansicht. Sie hat unter anderem gezeigt, dass beispielsweise über 60 Prozent der Absolventen der HWZ, Hochschule für Wirtschaft Zürich, die ihnen übertragenen Arbeiten und die gefragten fachlichen Qualitäten als der Ausbildung angemessen erachten. Anders gesagt: dass sie das Gelernte im Arbeitsmarkt zur allseitigen Zufriedenheit einsetzen können.

Akademisierter Arbeitsmarkt

Die Tatsache, dass in der Schweiz die Zahl derer, die über eine Hochschulzulassung verfügen, deutlich niedriger ist als im umliegenden Europa – nämlich bloss rund 25 im Vergleich zu über 50 Prozent –, scheint zumindest den Schweizer Bundesrat nicht zu beunruhigen. In seiner Antwort auf eine Interpellation des Nationalrates André Reymond, der eine «Ausländerschwemme» auf Hochschulstufe befürchtete, heisst es: «Anders als in vielen anderen Ländern trägt bei uns offensichtlich der hohe Stellenwert der beruflichen Ausbildung dazu bei, dass der Zulauf zur gymnasialen Ausbildung wesentlich geringer ist.»

Angesichts der demografischen Verhältnisse und des zunehmenden Mangels an Fachkräften scheinen nicht alle Beobachter des Schweizer Arbeitsmarktes die bundesrätliche Zuversicht zu teilen. So meint etwa auch Hoegl: «In einem Arbeitsmarkt, der insgesamt akademischer geworden ist, spielt dieser Umstand natürlich eine grössere Rolle.» Kohlberg hingegen zweifelt grundsätzlich daran, ob für so viele Stellen heute eine Hochschulbildung nötig ist, wie ein Blick in die Anforderungen in Stelleninseraten glaubhaft macht. Für viele mittlere Positionen werden von Kundenseite auch Praktiker gesucht, beobachtet Hoegl, die über eine normale Berufsausbildung und vielleicht noch über eine Fachhochschul- oder eine betriebswirtschaftliche Weiterbildung verfügen. «In diesem Bereich sind die Schweizer absolut konkurrenzfähig.»

Konkurrenzfähig – aber nicht in genügender Anzahl vorhanden. Im grenznahen Ausland ist die Schweizer Nachfrage auch an Bildungsinstitutionen wie zum Beispiel der Berufsakademie Lörrach, die berufsbegleitende Lehrgänge in Betriebswirtschaft und Ingenieurwesen anbietet, gut zu spüren. Gerhard Jäger, Professor für Betriebswirtschaft, schätzt, dass 5 bis 10Prozent der Absolventen in den Dienst von Schweizer Unternehmen treten. «Zum Verdruss der deutschen Unternehmen, die in Bezug auf das Gehalt nicht immer mithalten können.»

Auffallend an der gegenwärtigen Einwanderungswelle aus dem Norden ist, dass aus den westeuropäischen Ländern tatsächlich hauptsächlich besser qualifizierte Arbeitnehmer in die Schweiz kommen.

Wer aus Deutschland einwandert, ist tendenziell eher Personal- als Baggerführer. Laut Bundesamt für Statistik arbeiten von den insgesamt 103000 deutschen Erwerbstätigen 11000 in Führungspositionen, 42000 in akademischen Berufen, 23000 als Techniker und bloss 2000 als Hilfsarbeiter.

Besteht Gefahr, dass deutsche Chefs hauptsächlich das fördern, was sie selber kennen und schätzen? Ole Wiesinger bestätigt, dass sein eigener deutscher Hintergrund eine Wirkung auf die Personalentscheide der Klinik habe – allerdings aus den bereits erwähnten sachlichen Gründen: «In Deutschland wurden einzelne spitalrelevante Themen früher und anders umgesetzt, und für unser Unternehmen geht es jetzt natürlich darum, Impulse zu setzen, um auf die zukünftigen Entwicklungen vorbereitet zu sein.» Den Verdacht, Landesgenossen aus Nationalgefühl zu bevorzugen, weist er von sich: «Nein – ich fühle mich nicht wohler, wenn ich von Deutschen umgeben bin, im Gegenteil.» Da er sehr gerne in der Schweiz lebe, leide er sowohl unter der polemischen Debatte als auch unter dem Begriff der «Teutonisierung» der Schweiz.

Ein allgemeiner Lohndruck aufgrund des Zustroms der Deutschen sei nicht festzustellen, bestätigen der Arbeitgeberverband und Serge Gaillard, der frühere Gewerkschafter und heutige Leiter der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft SECO. Auch San José von Adecco konstatiert, dass Lohndumping tendenziell eher im Zusammenhang mit unqualifizierten Arbeitskräften problematisch sei. Für Klienten von Egon Zehnder und anderen Topkader-Vermittlern ist es ohnehin kein Thema: «Es wäre geradezu dumm von einem Verwaltungsrat, einen Oberarzt- oder CEO-Posten aufgrund von 2 bis 5 Prozent Lohneinsparungen zu vergeben», meint Clemens Hoegl und weist darauf hin, dass etwa im Bankenbereich Lohnunterschiede von bis zu 100 Prozent recht häufig anzutreffen seien, dann aber nicht nationale Ursachen hätten, sondern auf unterschiedliche Lebensläufe, Erfahrungen und Kompetenzen zurückzuführen seien.

Braindrain zugunsten der Schweiz

Ob mit, dank oder trotz der Deutschen: Es wird sich kaum abschliessend eruieren lassen, weshalb die Schweizer Wirtschaft boomt. Im letzten Jahr belief sich das Realwachstum laut SECO auf 2,7 Prozent und ist somit das stärkste Wachstum seit 2000. Dank dieser Konjunkturlage haben laut der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung des Bundesamtes für Statistik im zweiten Quartal 2006 nicht nur 20000 ausländische Beschäftigte eine Anstellung gefunden, sondern auch die Zahl der Erwerbstätigen mit Schweizer Pass ist um 57000 gestiegen. Das Thema dreht sich also im Kern um Wachstum, nicht um Verdrängung.

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