Jul 13

Eine Erfolgsgeschichte mit ganz wenigen Wenn und Aber.

Autor: HRToday

HR-Leiter sind sich einig: Die Personenfreizügigkeit ist ein Gewinn für den Schweizer Arbeitsmarkt. Die unkomplizierte Rekrutierung von ausländischen Fachkräften trägt dazu bei, dass der Wirtschaftsmotor brummt. Einziger Wermutstropfen: Wegen der Lebenshaltungskosten kehren ausländische Spezialisten oft nach wenigen Jahren in ihre Heimat zurück. (Ein Beitrag von: Sandra Escher Claus, HR Today).

Reto Rutz, Leiter Personaldienst, Bernina International AG

Bernina

Als grenznah gelegenes Unternehmen geniesst die Rekrutierung von ausländischen Mitarbeitenden bei Bernina eine lange Tradition. «Trotzdem brachte die Personenfreizügigkeit für uns eine klare Vereinfachung», sagt Reto Rutz. «Potenzielle Mitarbeitende sind schneller bereit, ihren Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen, weil viele administrative Hürden abgebaut worden sind.»  Vor allem für höher qualifizierte Funktionen wie Projektleiter mit technischem Hintergrund oder technische Fachspezialisten im mittleren Kader setzt das Steckborner Familienunternehmen auf Bewerber aus dem EU-Raum. «Diese», so Rutz, «sind allerdings auch ausserhalb unserer Landesgrenzen nicht in rauen Mengen vorhanden.» Der Grund für den Mangel liege primär darin, dass technische Grundausbildungen lange Zeit wenig attraktiv waren. Eine Trendwende scheint nun sowohl im nahen Ausland als auch in der Schweiz absehbar. «Dazu trägt auch unsere Ausbildungspolitik bei», so Rutz. Bernina beschäftigt 28 Lehrlinge und bietet unterschiedliche Praktika für Hochschulabsolventen an. «Als Schweizer Unternehmen möchten wir auch in Zukunft mehrheitlich qualifizierte Schweizer Mitarbeitende beschäftigen.»

Adecco Switzerland

Michael Agoras, CEO Adecco Switzerland

Die Personenfreizügigkeit ist für Michael Agoras eine Erfolgsgeschichte ohne Wenn und Aber. Der Grund: «Sie brachte uns Wohlstand und Vollbeschäftigung.» Wohlstand in dem Sinne, als dass es sich im Gegensatz zu den ausländischen Arbeitskräften in den 60er- und 70er-Jahren vorwiegend um ausgebildete Fachkräfte und Spezialisten handelt, die in die Schweiz kommen, und nur wenige ungelernte Hilfskräfte. «Dadurch können Schweizer Unternehmen ihre Innovationskraft und ihre Dienstleistungsqualität laufend ausbauen und den Wohlstand sichern.»

Dem Argument, die Personenfreizügigkeit nehme Schweizer Arbeitnehmenden Jobs weg, kann er wenig abgewinnen. «Im Bau-Nebengewerbe, im Gesundheitswesen, in der Life-Science-Industrie, im Engineering sowie in Finance und Legal fehlen Fachkräfte an allen Ecken und Enden», betont er. «Da sind wir auf Spezialistinnen und Spezialisten aus dem nahen Ausland angewiesen.» Es sei auch nicht so, dass die Arbeitskräfte aus dem EU-Raum einfach alles stehen und liegen lassen, wenn sie ein Angebot aus der Schweiz erhalten. «Ab der Stufe mittleres Kader geniessen die Kandidaten zwar Unterstützung beim Familiennachzug und beim Finanzieren von Schulen oder der Kinderbetreuung.» Beim unteren Kader und den Fachkräften sehe die Situation hingegen anders aus. «Diese kommen meistens alleine und es ist für sie aufgrund verschiedener Umstände schwierig, die Familie nachzuziehen.» Dies, so Agoras, führe dazu, dass sie die Schweiz nach relativ kurzer Zeit wieder verlassen. Zu den Faktoren, die sich verändern müssen, damit die Fachkräfte bleiben, zählen für Agoras genügend Betreuungsplätze und Tagesschulen für Kinder genauso wie die Tatsache, dass die Unternehmen den mitziehenden Ehepartner bei der Jobsuche unterstützen sollten.

Universität Zürich

Martin Brogli, Leiter Personal, Universität Zürich

Die Akademiker-Gemeinschaft und damit auch die Mitarbeitenden der Universität Zürich waren schon immer international ausgerichtet. «Bei der Rekrutierung war und ist es für uns zentral, die besten Forscherinnen und Forscher nach Zürich zu holen; die Nationalität spielt dabei eine untergeordnete Rolle», betont Martin Brogli. Weil zudem bis auf die Verträge von Professoren alle Anstellungen befristet seien, habe die Uni auch nie Probleme damit gehabt, die Bewilligungen für die Einstellung von Nicht-Schweizern zu erhalten. «Allerdings hat die Einführung der Personenfreizügigkeit zu einer erweiterten Austauschkultur und einer noch höheren Mobilität geführt.» Spürbar sei dies einerseits durch vermehrte Bewerbungen aus dem Ausland auch auf in rein deutschsprachigen Medien publizierte Inserate. «Andererseits bewegen sich die Schweizer Forschenden mehr.»

Neben dem hervorragenden Ruf, den die Universität Zürich weltweit geniesst, und der guten Schweizer Infrastruktur ortet Brogli den Grund dafür vor allem in der Vereinfachung der Administration auf weiten Strecken. «Ein kleiner administrativer Nachteil für unsere Personalarbeit hat sich durch die Personenfreizügigkeit aber ergeben.» Vor allem im Bereich der Sozialversicherungen sei der Papierkrieg für Personen, die sowohl in der Schweiz als auch in einem EU-Land berufstätig sind, grösser geworden.

Steiner-Gruppe

Markus Koller, Leiter Human Resources, Steiner-Gruppe

Gut ausgebildete Baufachleute sind ein rares Gut und auf dem Arbeitsmarkt heiss begehrt. Mit der Personenfreizügigkeit hat sich für grosse Total- und Generalunternehmungen wie die Steiner-Gruppe daher ein neuer, hochwillkommener Markt aufgetan. «Wir rekrutieren seither vermehrt in umliegenden Ländern wie Deutschland, Österreich und Frankreich», sagt Markus Koller.

«Allerdings brauchen wir viel Eigeninitiative, um die ausländischen Mitarbeitenden zu schulen, da sich im Bauwesen sowohl das Normenwesen als auch das Baurecht von Land zu Land massiv unterscheidet.» Markus Koller spricht von einer Einarbeitungszeit von rund einem Jahr, bis ein ausländischer Bauingenieur mit den helvetischen Gepflogenheiten vertraut ist. «Aus diesem Grund haben wir spezifische interne Weiterbildungen sowie ein Götti-System entwickelt.»

Grundsätzlich möchte die Steiner-Gruppe die Arbeit in der Baubranche aber vor allem bei Schweizer Nachwuchskräften wieder beliebt machen. «Komplexe und vielseitige Projekte wie der Zürcher Prime Tower helfen uns, unsere Trainee-Programme an Absolventenkongressen vorzustellen.» Die Fachkräfte aus dem Ausland sieht er langfristig eher als Ergänzung denn als nachhaltige Lösung. «Die teuren Lebenshaltungskosten empfinden viele Leute noch als Hindernis, um mit der ganzen Familie in die Schweiz zu ziehen, und leider kehren einige der ausländischen Spezialisten nach einigen Jahren wieder zu ihren Familien zurück.»

Mammut Sports Group

Carmen Hafner, Personalleiterin, Mammut Sports Group

Qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland sind für das Schweizer Outdoorausrüstungs-Unternehmen Mammut ein wichtiger Erfolgsfaktor. «Profile aus dem textilnahen Umfeld rekrutieren wir vor allem im deutschsprachigen Ausland», erklärt Carmen Hafner. Dies weil Studiengänge wie zum Beispiel Bekleidungstechnik in der Schweiz inexistent sind. Aufgrund des starken Wachstums in den vergangenen Jahren hat Mammut das Bekleidungsteam aufgestockt, und die interne Nachfrage nach Textilfachkräften ist deutlich gestiegen. «Der Personenfreizügigkeit», so Hafner, «verdanken wir daher unseren Erfolg. Seit sie in Kraft ist, ist es für uns wesentlich einfacher geworden, die Fachspezialisten und deren Know-how zu uns zu holen.» Im europaweiten Kampf um die gesuchten Spezialisten punktet das Schweizer Traditionsunternehmen mit zwei grossen Vorteilen: der etablierten Marke und dem bergnahen Standort. «Dieser ist für die meisten ausländischen Mitarbeitenden, die zu uns wechseln, wichtiger als eine monetäre Sonderbehandlung, weil viele von ihnen die Produkte, die sie mitentwickeln, in der Freizeit auch selber benutzen.»

Daher sind die Mitarbeitenden für die Rekrutierung, neben Inseraten in einschlägigen Branchenzeitschriften und den Sportartikel-Messen, ein wichtiger Erfolgsfaktor. «Sport verbindet – das interne Sportlernetzwerk bringt uns immer wieder motivierte Fachkräfte, an die wir sonst nicht kommen würden.»

Axa Winterthur

Mit der Einführung der Personenfreizügigkeit ist die Zahl der Bewerbungen aus dem Ausland bei der Axa Winterthur deutlich angestiegen. Das hat für Christoph Müller und sein Team den angenehmen Nebeneffekt, dass die offenen Positionen schnell mit passenden Personen besetzt werden können. «Aktiv im Ausland rekrutieren, das machen wir hingegen nur in Ausnahmefällen», betont er. So zum Beispiel Versicherungsmathematiker. Diese sucht die Axa Winterthur auch ausserhalb der Schweiz, weil diese Berufsrichtung nur von wenigen Studenten gewählt wird.

Sollte die demografische Entwicklung in der mittelfristigen Zukunft aber zu Personalengpässen führen, könnten aus Sprachgründen vor allem Deutschland und Österreich doch noch zu wichtigen Rekrutierungsmärkten werden. Dies weil der Versicherungskonzern arbeitgebertechnisch in starker Konkurrenz zu den Banken und Consulting-Unternehmen steht: Hochschulabgänger taxieren die Versicherungsbranche derzeit als weniger attraktiv und herausfordernd. «Es gilt deshalb in den nächsten Jahren, den Berufseinsteigern zu zeigen, dass auch Versicherungen dynamische Unternehmen mit sehr interessanten und vielseitigen Aufgabengebieten sind.» Natürlich ist aber auch die Überalterung der Gesellschaft ein Thema. «Da setzen wir als Lösung auf die Mobilität innerhalb der weltweit tätigen Axa-Gruppe sowie auf flexible Arbeitsmodelle für ältere Generationen.»

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