Mai 21

Den Spatz schützen, wenn er etwas vom Dach pfeift.

Autor: HRToday

Whistleblower sind in der Schweiz nicht geschätzt, auch wenn durch sie Korruption und andere Missstände ans Licht kommen. Für die Juristin Zora Ledergerber ist das ein unhaltbarer Zustand. Sie setzt sich dafür ein, dass die Wirtschaft den Wert der Whistleblower erkennt und sie künftig schützt, statt sie zu feuern (ein Beitrag von: Sabine Schritt, HR Today).

Spontan kommt mir der Kinderbuchklassiker «Die rote Zora» in den Sinn, doch mit der Hauptfigur mit der roten Haarpracht hat die Zürcher Unternehmerin mit dem schlagkräftigen Vornamen nicht viel gemein. Vielleicht nur, dass in Zora Ledergerbers Leben Kriminalität auch eine Rolle spielt. Während die rote Zora sich mit ihrer Bande für die Unterdrückten gegen bürgerliche Ungerechtigkeiten einsetzt, will die Juristin Zora Ledergerber die Korruption in Unternehmen bekämpfen. Sie strahlt Ruhe aus, wirkt überlegt, besonnen und bodenständig. Und man glaubt ihr sofort, dass sie weiss, was sie will und warum. Vielen Menschen ist die engagierte Frau mit dem brünetten schulterlangen Haar aus der Politik bekannt. Für die Grünliberalen schafft sie es im Jahr 2010 als Newcomerin ins Stadtparlament von Zürich. Damit führt sie das politische Engagement ihres Vaters, des ehemaligen Zürcher SP-Stadtpräsidenten, fort.

Zora Ledergerber

Zora Ledergerber wächst in Zürich im Kreis 3 auf. Das politische Interesse ihrer Eltern färbt auf die Tochter ab, die sich gerne politischen Diskussionen anschliesst. Als die Grünliberalen 2004 als Abspaltung von den Grünen Kanton Zürich entstehen, steht für Ledergerber schnell fest, dass dies «ihre Partei» ist. Neugierig, interessiert und bereit, etwas zu bewegen, schliesst sie sich 2008 der Partei an mit dem Ziel, sich vor allem für effizienten öffentlichen Verkehr und gesunde Finanzen einzusetzen. 1998 beendet sie ihr Studium. Spätestens nach ihrem Praktikum in einer Anwaltskanzlei ist ihr aber klar, dass sie keine Rechtsanwältin werden wird. Nicht des Inhaltes wegen, sondern «eher wegen all der formellen Aspekte, welche die Arbeit bestimmen», sagt Ledergerber. Sie ist also mehr oder weniger ratlos, als sie zufällig auf eine Stellenausschreibung der Gelbmützen stösst. Die Gelbmützen sind eine unbewaffnete Einheit der Schweizer Armee, die zwischen Juli 1996 und Dezember 2000 in Bosnien-Herzegowina im Einsatz steht und dort die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) in logistischen Bereichen unterstützt.

Täter bleibt, Whistleblower entlassen

«Eigentlich habe ich nicht damit gerechnet, dass es klappt», erzählt Ledergerber, «schon gar nicht, weil ich eine Frau bin und keinerlei Bezug zur Armee hatte.» Trotzdem bewirbt sie sich und muss sich dem üblichen Aushebungsverfahren für Rekruten stellen, inklusive Sporttest. «Sie haben mich auf Herz und Nieren geprüft – und am Ende tatsächlich genommen.» Für sechs Monate reist sie nach Sarajewo. Als Legal Advisor, Press and Information Officer ist sie zuständig für die juristische Unterstützung des Kommandanten und ist auch die internationale Verbindungsperson zur OSZE. «Die Arbeit in dem kriegsversehrten Land war sehr eindrücklich, ebenso wie das Leben in einem bewachten Camp auf engstem Raum.» Drei Jahre ist sie anschliessend Geschäftsführerin bei Transparency International Schweiz, wo sie Anti-Korrup­tions­stra­tegien ausarbeitet und entsprechende Projekte auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene durchführt. In dieser Funktion kommt sie zum ersten Mal mit Whistleblowing in Kontakt.

Whistleblower sind Personen, die an ihrem Arbeitsplatz Zeugen von illegalen oder unethischen Praktiken werden, diese intern melden oder an die zuständigen Stellen beziehungsweise an die Öffentlichkeit tragen.

«Leider», sagt die Expertin, «müssen diese Menschen häufig mit negativen Konsequenzen für ihr Handeln rechnen. Sie gelten als illoyal und werden als Denunzianten beschimpft, schikaniert, angeklagt oder entlassen.» Die Juristin erzählt von einem Fall aus der Romandie, wo ein Informatiker kinderpornografisches Material auf dem Computer eines Managers entdeckt habe. «Er hat diesen Fall gemeldet und wurde daraufhin selbst entlassen, der Kadermann nicht. Das ist ein sehr typisches Beispiel.»

Vielbeachtete Doktorarbeit

Das Whistleblowing hat in der Schweiz Nebenwirkungen...

Das Thema lässt die junge Juristin fortan nicht mehr los und sie widmet sich auch in ihrer Promotion diesem umfassenden Gebiet, versucht Fragen zu beantworten und Lösungen aufzuzeigen. «Im wahrsten Sinne des Wortes eine echte Doktorarbeit», lacht Ledergerber. Für ihre Disserta­tion «Whistleblowing unter dem Aspekt der Korruptionsbekämpfung»* erhält sie 2005 den Jahrespreis für die beste juristische Doktor­arbeit der Universität Zürich. «Ich war sehr überrascht, wie oft der Text gekauft und gelesen wurde.» Ledergerber merkt: Hinter diesem Thema kann sie als Juristin stehen, hier möchte sie etwas bewegen. Korrup­tion, das sei eine Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Recht, Politik und «total spannend». Sie übernimmt 2005 beim Basel Institute on Governance die Funktion des Head of Business Ethics. Auch hier bestimmt Whistleblowing einen Teil ihrer Arbeit. «Ohne Hinweise von Insidern erfährt die Öffentlichkeit fast nie von Korruptionsdelikten wie Bestechung, Vetternwirtschaft oder Schmiergeldzahlun­gen», weiss Ledergerber.

In der Schweiz habe man vor ein paar Jahren noch gar nicht offi­ziell über Whistleblowing gesprochen. Während in anderen Ländern bereits Anstrengungen zum Schutz von Whistleblowern unternommen würden, kämen in der Schweiz in diesen Fällen die üblichen Bestimmungen des Arbeitsrechts zur Anwendung, wie Geheimhaltungs- und Verschwiegenheitspflicht der Arbeitnehmenden oder eine nur geringe Entschädigung im Falle einer missbräuchlichen Kündigung.

«Das ist für Whistleblower natürlich problematisch und somit die Einführung einer Whistleblowing-Schutzgesetzgebung empfehlenswert», meint Ledergerber. In ihrer neuen Position setzt sie ihren Weg konsequent fort, erstellt Risikoanalysen für nationale und internationale Unternehmen und ausländische Regierungen in Bezug auf Korruption und erarbeitet geeignete Massnahmen zur Prävention.

Es geht nicht um geklaute Bleistifte

Im Oktober 2009 gründet Ledergerber ihr eigenes Unternehmen Integrity Line und berät Unternehmen und Behörden bei der Einführung von internen Meldesystemen für Whistleblower. Für Ledergerber ist ganz klar, dass dies in Zukunft integraler Bestandteil des Risk Managements und des Compliance Programms von Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung sein sollte. Sie bietet eine webbasierte Plattform, mit der Firmen ihren Mitarbeitern ermöglichen, online Missstände sicher und intern zu melden, bei Bedarf auch anonym. «Auch bei anonymen Meldungen erlaubt das System einen Dialog zwischen Hinweisgeber und dem Bearbeiter der Meldung, was wichtig ist für den Erfolg der Untersuchung.» Die Palette der Missstände, die gemeldet werden können, reicht von Mobbing, Diskriminierung über Bestechung bis hin zur Unterschlagung. Wie weit Unternehmen ihr Meldesystem fassen, können diese selbst entscheiden. Eine automatische Triagefunktion leitet Hinweise zu Personalangelegenheiten direkt zum HR-Manager, Korruptionsdelikte direkt zum Compliance Officer weiter. Dies spart personelle Ressourcen. Zunächst stösst Ledergerber auf Skepsis. Kritiker meinen, sie würde Mitarbeiter zum Bespitzeln aufrufen. «Es geht nicht darum zu erfahren, ob jemand einen Bleistift mit nach Hause nimmt», sagt sie. Bei vielen Unternehmen rennt sie mit ihrem Anliegen inzwischen offene Türen ein. «Das Bedürfnis ist gross. Es ist nicht so, dass die Unternehmen sich verschliessen oder etwas vertuschen wollen», erklärt Ledergeber. «Es geht ja auch um viel Geld.» Laut der Association of Certified Fraud Examiners gingen Unternehmen fünf Prozent vom jährlichen Ertrag durch Korruption und andere Wirtschaftsdelikte verloren.

«Studien belegen, dass Tipps von Mitarbeitern die erfolgreichste Methode sind, solchen Missständen auf die Spur zu kommen», so Ledergerber. Ein funktionierendes internes Meldesystem könne helfen, einen guten Teil dieses Verlustes einzusparen. Sie wirkt fast ein wenig verlegen, wenn sie erklärt, wie nützlich ihr Tool für die Unternehmen sein kann. «Pro 1000 Mitarbeiter gehen im Schnitt acht Meldungen pro Jahr ein. Das ist viel weniger als gemeinhin befürchtet. Bei 10’000 Mitarbeitenden sind dies nur 80 Meldungen pro Jahr. Aber wenn darunter nur schon ein Korruptionsfall ist, hat sich das Ganze lange gelohnt.» Ledergerber garantiert mit ihrer Plattform die Anonymität, ist aber in weitere Schritte, die sich aus den Meldungen ergeben, in der Regel nicht mehr involviert. «Ich bekomme kein Erfolgshonorar», lacht sie.

Ausstieg aus der Politik

Die engagierte Juristin macht keine hal­ben Sachen, weshalb sie im November 2011 ihr Mandat im Zürcher Gemeinderat nach anderthalb Jahren niederlegt, noch bevor ihre politische Karriere richtig beginnen kann. Ihr ­Unternehmen läuft und expandiert ins Ausland. Es ist ihr nicht mehr möglich, regelmässig zwei Tage die Woche in Zürich politischen Pflichten nachzukommen: «Ich glaube, es geht vielen Menschen zwischen 30 und 40 Jahren so. Sie sind beruflich in einer sehr intensiven Phase, auch politisch interessiert, haben aber fast keine Chance, sich nebenberuflich zu engagieren. Da kommt das Milizsystem an seine Grenzen. Ich bin sicher, ich werde die Politik sehr vermissen.»

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