Nov 10

Die elektronische Leine würgt das Privatleben ab.

Autor: PersonalRadar

Bald kommen die Ferien oder ein erholsames Weekend steht vor der Tür. Am Freitag Abend ruft noch schnell der Chef an, wünscht gute Erholung und meint so beiläufig: ‚Du, wenn’s nötig sein sollte, wäre ich froh, wenn ich dich anrufen kann‘.

Arbeit ist Arbeit. Freizeit ist Freizeit (Illustration: Tobias Wagner, Senior HR Consultant bei PKS Personal- & Kadereselektion AG)

Irgendwie ist einem mulmig. Man kennt den Chef. Er ist masslos. Alle im Team haben einen Laptop. Mit diesem kann auch von zuhause gearbeitet werden. Man muss nicht, aber es wird trotzdem erwartet. Zudem haben alle ein Handy erhalten, das kostenlos privat genutzt werden darf. Es muss an den Wochenenden und während den Ferien nicht zwingend eingeschaltet bleiben. Aber der Boss erwartet schon, dass die Erreichbarkeit gewährleistet ist. Oft treffen schon am Sonntag Nachmittag die ersten schriftlichen Aufträge ein, damit man sich zuhause darauf vorbereiten kann und gut präpariert ins Geschäft kommt. Schliesslich ist die Arbeit für den Boss das Wichtigste und ihr unterordnet er alles, damit es gut läuft und er bei seinen Vorgesetzten auch ‚Bella figura‘ macht.

Das offene und geheime Schielen auf die vielfältigen elektronischen Kommunikationshilfen während der Freizeit wirkt bei vielen manisch.

Einerseits fühlt man sich wichtig, wenn Nachrichten eintreffen und andererseits ist man gestresst wie auch genervt, dass man während der Freizeit auch mit dem Geschäft verbunden ist und das Gefühl bekommt, wenn man nicht sofort reagiert das als Zeichen der Gleichgültigkeit interpretiert werden kann und ein ostentatives Ignorieren der Nachrichten der Karriere schadet.

Das schlechte Gewissen ist ein ständiger Begleiter. Widerstand ist meistens zwecklos und können sich nur Selbstbewusste leisten, die der altmodischen Meinung sind, dass die freie Zeit privat und frei bleiben soll. Alle anderen sind an der elektronischen Leine und werden nach Gutdünken des Chefs dirigiert. Sind das wirklich gute Mitarbeitende? Kaum.

Die ständige Erreichbarkeit macht gereizt, sprunghaft und zerrüttet die Fähigkeit sich auf eine Sache konzentrieren zu können.

Des Weiteren zerstört sie Beziehungen, hält ganze Familien in Geiselhaft und führt dazu, dass der privat erzeugte Stress die Qualität der Arbeit beeinträchtigt und schlussendlich der Firma viel Geld kostet. Auch Familien und Beziehungen fallen dieser modernen Unart ungefilterter Hingabefähigkeit zum Opfer. Lohnt sich sowas? Nein!

Viele grosse und bekannte Arbeitgeber sind inzwischen so weit, dass sie externe elektronische Zugänge zu den Arbeitsplätzen sperren und es nicht mehr gern gesehen wird, wenn Arbeitnehmende ständig am Infusionstropf der geschäftlichen Infokaskade hängen und nicht mehr zur Ruhe kommen. Stress, Burnout, Selbstausbeutung und das diffuse Gefühl des ständigen Ausgelaugtheit kosten der Wirtschaft inzwischen viel Geld. Der erzwungen Präsentismus am elektronischen Arbeitsplatz ist keinesfalls mehr ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Arbeitgeber oder von harter Selbstdisziplin. Was nutzt ein anwesender Mitarbeiter, der ständig gähnt, sich literweise mit Kaffee über Wasser hält und andere Hilfsmittelchen der pharmazeutischen Industrie benötigt, um überhaupt noch leistungsfähig bleiben zu können? Rein gar nichts. Er wird krank, fällt aus und verursacht dann richtig viel Kosten.

Abschalten und sich erholen bedeutet auch den elektronischen Begleitern eine Ruhepause zu gönnen. Entspannte Mitarbeitende sind viel leistungsfähiger und nützen der Wirtschaft mehr! Die pausenlose Masslosigkeit der Erreichbarkeit hinterlässt früher oder später deutliche Spuren.

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