Aug 27

Die kognitive Kontrolle gerät total aus der Rolle. Multitasker bremsen aus.

Autor: PersonalRadar

Frühmorgens stehen sie auf. Sie schalten die Kaffeemaschine ein, schauen dabei kurz mit einem Blick auf die News im Internet, kleiden sich gleichzeitig an und putzen sich die Zähne, wenn sie noch das Hemd oder die Bluse bügeln. Der Tag beginnt mit Multitasking!

Das Handy klingelt schrill, die ersten Geschäftstermine werden vereinbart. Selbstverständlich checken sie zur gleichen Zeit, ob noch frischer Orangensaft im Kühlschrank steht, um dem etwas matten Körper genügend Vitamine zu verschaffen. Multitasking pur.

Wahrscheinlich haben Sie dabei den Saft verschüttet und sich die Zungespitze am heissen Kaffee verbrannt. Die Termine wurden im falschen Datumsfeld notiert. An Stelle von Zahnpasta haben sie kalten Senf auf die Zahnbürste gestrichen und das halbwegs frisch gebügelte Hemd inzwischen mit einem kleinen Brandloch verziert. Macht nichts. Sie haben es ohnehin nicht bemerkt. Ihr angeblich so effizientes Multitasking hat ihr Hirn total überfordert. Auch im ausgeschlafenen Zustand. Könnte ihre Denkzentrale von sich aus sprechen, würde diese sie schon frühmorgens anschreien, weil sie unter der Arbeitslast gleichzeitig zu verrichteter Arbeiten ächzt und leidet. Multitasking ist ein Flaschenhals. Multitasker blockieren. Multitasker sind langsam.

Ein Forscherteam an der Stanford University in den USA hat sich eingehend mit der schlechten Sitte des Multitasking auseinander gesetzt. Alles gleichzeitig machen, hat zur Folge, dass vieles dabei schief läuft. Der Kopf des Menschen ist für die Verarbeitung von gleichzeitig eintreffenden komplexen Informationen, aufgrund mehrerer Tätigkeiten, die er parallel ausführt, auch wenn das nur einfache Verrichtungen sind, heillos überfordert. Die Fähigkeit Eindrücke konzentriert und richtig auszuführen nimmt dramatisch ab, wie mehr eine Person zur gleichen Zeit mit mehrere Dingen beschäftigt ist. Multitasking entpuppt sich zum Multiflop. Die kognitive Kontrolle kommt unter die Räder.

Unser Hirn ist noch stark geprägt von alter Software, die vor Jahrmillionen entstand. Auch die prähistorischen Jäger wussten schon, dass sie auf der anspruchsvollen Pirsch, nicht gleichzeitig den Bogen spannen, die Pfeile spitzen und das Fellmesser schleifen können. Sondern sich gut vorbereiten müssen, um sich während der Jagd voll auf das zu erlegende Wild konzentrieren zu können. Prähistorisches Multitasking hätte ziemlich sicher zu leeren Fleischtöpfen geführt und die weitere Entwicklung der Menschheit dramatisch beeinflusst.

Auch das moderne Multitasking ist inzwischen eine Zumutung geworden. Der Fleischtopf wurde zwar ersetzt. Aber auch heute müssen alle im Berufsleben eine ansprechende Leistung erbringen, damit der Lebensunterhalt verdient werden kann.

Wie viel wertvolle Arbeitszeit und andere wichtige Wirtschaftsgüter werden vernichtet, aufgrund von Multitasking, das wie eine stinkende Pestilenz durch die Berufswelt zieht und als heilbringende Arbeitstechnologie angebetet wird? Meistens bleibt die inhaltliche Effizienz eine Tätigkeit auf der Strecke. Man hat keine Zeit mehr sich auf eine Sache zu konzentrieren. Die Oberflächlichkeit wird Programm und das Mittelmass Richtschnur. Es gibt nach wie vor viele Multitasker, die auf ihre Fähigkeit vieles zu gleichen Zeit schlecht zu machen, noch stolz sind und nicht merken, dass das Brandloch im Hemd, die ersten Anzeichen erodierender Denkkraft wird. Hoffentlich wird es im privaten wie auch im beruflichen Umfeld bald wieder modern sein, wenn Zeit ungeteilt einer Sache gewidmet werden kann. Die Menschheit wird dabei bestimmt nicht untergehen, aber an Arbeits- und Lebensqualität gewinnen.

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Comments

4 thoughts on “Die kognitive Kontrolle gerät total aus der Rolle. Multitasker bremsen aus.”

  • Marc Bürgi sagt:

    Sehr guter Beitrag. Endlich ist es kein Tabu mehr, auch mal negativ über das so hoch gelobte Multitasking zu sprechen. Dass Hausfrauen grossartige Arbeit leisten, was in unserer Gesellschaft viel zu wenig honoriert wird, ist absolut korrekt. Doch in der Geschäftswelt, wenn zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her gewechselt wird, benötigen Sie zur kurzen Wieder-Einarbietung wertvolle Zeit, um zu schauen „wo war ich denn und wie geht es weiter“. Diese Zeit summiert sich auf die Dauer und die Projekte werden dadurch parallel und konstant in die Länge gezogen.

    Versuchen Sie betreffend Multitasking mal folgendes Experiment: Setzen Sie sich mit einer anderen Person zusammen. Dann lassen Sie sich abwechslungsweise kurze Sätze von einem Ereignis erzählen. Dann geben Sie das Gesagte des Gegenübers nicht nur sinngemäss, sondern so gut wie möglich wieder. Versuchen sie dann als Knacknuss, gleichzeitig auch über das Gesagte nachzudenken, weil Sie vielleicht das Gleiche schon einmal erlebt oder gar anderer Meinung sind. Sie werden mit Sicherheit den Faden verlieren. Denn scheinbar kann der Mensch NICHT gleichzeitig Denken UND Informationen aufnehmen. Doch gerade dies wäre die Grundvoraussetzung für Multitasking! Ich bin gespannt, ab wievielen Wörtern der Information Sie stolpern werden…:-)

  • Daniel Bloch sagt:

    Auch ich habe von diesen Forschungsergebnissen gehört, unter dem Strich bin ich aber nicht ganz derselben Meinung. Mal abgesehen davon, dass die hier porträtierten Multitasker tatsächlich existieren, gehen mir dabei zwei Dinge durch den Kopf.

    Zum ersten… das Forscherteam scheint noch nie eine Hausfrau und Mütter von mehreren Kindern bei der Arbeit beobachtet zu haben, sonst hätten sie diese Erkenntnis in die Studie miteinbezogen. Eine Mutter kann gleichzeitig mit einem Kind kommunizieren, das andere rügen, das Essen bereitmachen und erledigt im durchqueren der Wohnung noch dies und das uns jenes. Jeder, der eine Mutter schon mal beobachtet hat (oder das Glück hat, mit einer verheiratet zu sein 🙂 ) wird mir beipflichten – Mütter sind erzwungenermassen Multitasker.

    Zum zweiten … Multitasking bedeutet nicht, dass wir die Dinge effektiv zurselben Zeit erledigen können – das können unsere Computer ebenfalls nicht. Der Computer erledigt mehrere Arbeiten parallel, indem er in sehr kurzen Zeitabständen zwischen den einzelnen Arbeiten hin und her wechselt. Und genau dieses Vorgehen gilt auch für uns. Wir können nur dann multiple Aufgaben erledigen, wenn wir uns jeweils auf das, was wir gerade (ausschliesslich) tun, konzentrieren.

    Beispiele aus dem Alltag belegen, dass Multitasking durchaus funktioniert… wir fahren Auto, unterhalten uns dabei mit unserem Mitfahrer und im Radio läuft Musik. Auch wenn wir vielleicht nicht sagen könnten, was für ein Musikstück soeben lief, so reagieren wir doch, wenn der Verkehrsfunk kommt – wir haben es aufgenommen. Alleine schon das Autofahren ist eine mehrschichtige Anforderung, das weiss jeder, der gerade lernt und nicht schon lange fährt. Wir müssen ein Fahrzeug beherrschen, auf die anderen Verkehrsteilnehmer achten und dabei uns an die Verkehrsregeln und -zeichen halten. Einfache Tasks oder vielmehr optimiertes Multitasking?

    Die Frage ist, welche arbeiten gemeinsam ausgeführt werden können und sollen. So kann ich zwar eine Email beantworten während ich gleichzeitig telefoniere – ich bin dabei aber ausgesprochen unhöflich. Ich kann zwar gleichzeitig meine Zähne putzen und mein Hemd bügeln, bin aber nicht wirklich schneller, weil sich diese Aufgaben gegenseitig handicapieren.

    So ist Multitasking, überlegt und konzentriert, nicht nur förderlich sondern in unserer komplexen und rasanten Welt eine Überlebensbedingung.

    • Markus S sagt:

      Lieber Herr Bloch – Danke für Ihren Beitrag. Ich bleibe dabei. Aber Ihr Beitrag zeigt doch auf, dass der Kopf rund ist und das Nachdenken über eine Sache in alle Richtungen laufen kann 😉 Herzlichst Markus S.


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