Okt 31

Macht uns die ‚Feedbäckerei‘ kaputt?

Autor: PersonalRadar

Sie kennen den Spruch: ‚Gib mir noch ein Feedback‘. Das ist so eine Art Orientierungshilfe, um die Übersicht nicht zu verlieren. Meistens ist sie schon verloren, weil das Feedback die Eisenkugel der Beratungsindustrie ist.

Die Managementliteratur der guten Ratschläge explodiert seit vielen Jahren. Es gibt eine Schwemme an neuen Erkenntnissen, die uns seit Jahren weismachen wollen, was für die Unternehmen gut oder schlecht ist. Sehr oft führt dieser Mumpitz dazu, dass Menschen daran gehindert werden, gute Arbeit zu leisten.

Viele grosse Unternehmen  führen eine schleichende Herrschaftsordnung der guten Absichten ein, die eine beinahe vormundschaftliche Beziehung suggerieren und viele Mitarbeitende mehr oder weniger sanft in eine Verhaltensrichtung drängen, die ziemlich paternalistisch daherkommt und den Menschen sagt was sie zu tun haben.

Mitarbeitende sollen gesund essen, nicht rauchen und in der Betriebskantine Ballaststoff zu sich nehmen. Sie sollen gut schlafen, trotzdem verfügbar sein, die Selbstausbeutung stoppen und trotzdem vor dem Schlafen noch einen Blick auf die eintreffenden Nachrichten werfen.

Ziele sind die Altäre der modernen Arbeitswelt und das Feedback die Monstranz als Ausdruck einer verinnerlichten modernen Arbeitskultur. Der gläserne Mensch wird Wirklichkeit. Jeder Herzschlag wird bis in die letzte Kapillare pulsierend sichtbar. Der Mensch als messbare Grösse steht in keinem Widerspruch mehr zum Algorithmus, der ihn in Bytes zerlegt und zu geniessbaren Häppchen der Arbeitswelt umformt. Sie, die schöne Arbeitswelt, ist antiseptisch, strukturiert und so stark ausgeleuchtet, dass  jede nicht konforme Regung auf dem Seismograph der alltäglichen Korrektur sichtbar und in Form gebracht wird.

Die Zeiten als Peter Drucker oder Fredmund Malik, Unternehmensberater, die diesen Namen verdienen, noch Substanzielles zu sagen und schreiben hatten, sind ein wenig vorbei. Das Ephemere, Oberflächliche und Seichte macht sich immer mehr breit. Heute ist blau, Morgen kommt rot dran und übermorgen ist gelb an der Reihe. Die Wechselfähigkeit der Unternehmensberatungsindustrie ist so regelmässig und doch absehbar wie die Jahreszeiten.

Honig oder einfach…

Die Branche der Unternehmensberater hat in den letzten Jahren viele Honigtöpfe aufgestellt und Süsses versprochen.  Meistens blieb man an ihr kleben und bekam sie fast nicht mehr los. Da wird manchmal ein Mist verzapft, dass einem die Haare zu Berge stehen. Viele Unternehmensberater haben noch nie ein Unternehmen geleitet, geschweige eigenes Geld riskiert und Arbeitsplätze geschaffen. Sie produzieren oft genug abenteuerliche Theorien, die sich süffig lesen, aber die Anwendenden in den Suff treiben, wenn sie feststellen, dass die gut gemeinten Ratschläge nicht einmal zum Rad schlagen taugen und nur zwei Richtungen noch zur Verfügung stehen: der Ruin oder die Einschaltung des gesunden Menschenverstandes.

…nur Melasse, die alles verklebt?

Der deutsche Unternehmensberater Reinhard Sprenger ist ein Produzent von solcher Managementliteratur. Er hat Bücher mit Titeln wie ‚Mythos Motivation‘ oder ‚Die Entscheidung liegt bei Dir‘ oder  ‚Radikal führen‘ geschrieben. Bis jetzt hat er den üblichen Rahmen nicht gesprengt.  Die Managementliteratur wird wie am Fliessband produziert. Schliesslich muss diese Gilde ebenso Geld verdienen und etwas zu beissen haben.

Kürzlich hat Mathias Morgenthaler, Journalist und Wirtschaftsredaktor, der in den letzten 18 Jahren über 950 Interviews zu Arbeits- und Laufbahnfragen geführt hat, ein ‚lüpfiges‘ und provokatives  Interview mit Reinhard Sprenger zu seinem neuen Buch ‚Das anständige Unternehmen‘ geführt.  Er beklagt darin, dass in den Unternehmen eine ‚tyrannische Zudringlichkeit‘ herrsche, Konzerne wie Facebook oder Google unanständig seien und wir uns vom sogenannten Managementfirlefanz trennen sollten. Er beklagt darin, dass ihn die Techniken der Infantilisierung und Therapeutisierung auf den Keks gehen, weil sie grossen Schaden anrichten und Mitarbeitende in Ketten legen. Der angebliche Aufbruch durch die Digitalisierung, sprich die Disruption, wird durch die Reparaturintelligenz beherrscht. Mit anderen Worten: man will Höhe gewinnen, ohne den Ballast über Bord zu schmeissen.

Eigentlich ist die Erkenntnis nicht neu. Viele, die sich noch einen Teil an gesundem Menschenverstand bewahren konnten, wissen genau, dass der Auftrieb nur kommt, wenn das Startgewicht im Verhältnis zur Spannweite der Flügel in einem vernünftigen Verhältnis steht. Physik ist logisch. Betriebswirtschaft nicht immer. Wirtschaft ist nach wie vor eine unexakte Wissenschaft. Daher stehen uns die vielen Honigtöpfe immer im Weg, die meistens nur Melasse bieten.

Es ist allerdings ein Buch, das sich lohnt zu kaufen. Vieles was von den Arbeitgebern freundlich herüber kommt, entpuppt sich als verkappte Verdummung der Mitarbeitenden. Jene, die sich diesem Diktat nicht unterwerfen, werden durch den Konformitätsdruck weich geklopft und formbar gemacht. Weichgeklopfte mucken nicht mehr auf und der Strom der Gleichförmigkeit erstickt den Geist. Der gesunde und innovative Menschenverstand ist ein Rohstoff, der viele Volkswirtschaften gross gemacht hat. Es ist an der Zeit, dass die Gleichförmigkeit der ‚Feedbäckerei‘ endlich mit der Hefe des gesunden Menschenverstandes versehen wird, damit die guten Ideen der Menschen wieder aufgehen.

Mit dem nachfolgenden Link geht es zum interessanten Interview, das Mathias Morgenthaler mit Reinhard Sprenger geführt hat. Der Artikel erschien im Bund – ‚Angestellte werden pausenlos optimiert‘

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