Jan 29

Die neue Wirtschaftsgrippe: Morbus Diplomitis.

Autor: PersonalRadar

Sie stecken in einer Ausbildung? Dann stecken sie voll im Trend. Ausbildung ist gut. Der Wahn, jeden Ausbildungsmist auch noch zu diplomieren, nimmt überhand.

Immer mehr Berufstätige erkennen den Wert einer Weiterbildung. Gerade junge Menschen nutzen die vielen Möglichkeiten und bilden sich emsig weiter. Die Bildungsindustrie nutzt das auch fleissig und bietet viele Weiterbildungsmöglichkeiten an, deren Nutzen nichts nützt.

Nicht jedes Diplom fördert die berufliche Entwicklung...Die Bildungsanbieter stehen unter einem enormen wirtschaftlichen Druck und der Wettbewerb ist mörderisch. Wer nicht mithält fällt vom Karren, wird vom aggressiven Bildungsmarkt überrollt und von den Bildungshungrigen nicht mehr berücksichtigt. Das treibt zuweilen seltsame Blüten in der Bildungslandschaft. Kein Tag vergeht ohne neues Bildungsangebot. Zuweilen reibt man sich ungläubig die Augen über die vielen bizarren Angebote. Die eigentlichen Bildungsziele – es muss ja wirtschaftlich auch Sinn machen – können gelegentlich nur über Vor- und Zwischenausbildungen erreicht werden. Hat man diese quasi im Sack, dann kann man davon ausgehen, dass man zu den nächsten Bildungslehrgängen auch zugelassen wird. Somit können Bildungsstrecken zum Marathon werden bis man die Ziellinie schlussendlich erreicht. Im Geldsack ist dann nicht mehr viel vorhanden, weil solche Ausbildungen kostspielig sind und nicht jeder Arbeitgeber diese ganz oder mitfinanziert.

Viele Diplome, die diese Bildungsindustrie druckt und damit auch hoffnungsvolle Menschen auf den Arbeitsmarkt entlässt, sind total wert- und nutzlos. Sie sind nicht anerkannt, man kennt den eigentlichen Wert oder den inneren Gehalt der Ausbildung nicht und die Vielfalt an Abschlüssen trägt dazu bei, dass die Wirtschaft langsam aber sicher die Übersicht verliert. Gerade Absolventen/-innen von guten Ausbildungen machen dann die Erfahrung, dass sie mehr und mehr Konkurrenz aus der Billig- und Schmuddelecke erhalten und diese Mitbewerbenden die Selektionsbemühungen unnötig verlängern, weil selbst gut Informierte sich zuerst gründlich ein Bild machen müssen, ob eine Ausbildung nun das bietet was man im Betrieb auch sucht und nötig hat.

Der Morbus Diplomitis ist eine hartnäckige Krankheit. Hoffentlich finden die staatlichen Bildungslenker bald gute Wirkstoffe, um diese um sich greifende Epidemie wieder in den Griff zu bekommen.

Bildung ist gut. Sie macht die Gesellschaft und die Wirtschaft stark und widerstandsfähig. Sie trägt zum grossen Erfolg und Wohlstand dieses Landes viel bei. Viele sind aber verunsichert und verlieren über die wilde ‚Bildungstopografie’ die Übersicht. Welche Weiterbildung führt auf den Gipfel und welche einfach ins nächste Tal? Ein reichhaltiges Bildungsangebot ist per se immer gut. Wenn es dann auch noch intensiv genutzt wird, umso besser. Viele dieser Angebote lassen aber den Mehrwert im Vergleich zum aufgebrachten Geldwert eindeutig vermissen. Was nützt die blinde Bildungswut und die vielen schönen Diplome auf Büttenpapier mit dicken Siegeln versehen, wenn sie nichts bringen? Das bleibt ein Hürdenlauf ohne gestoppte Zeit.

Kürzlich hat Andres Büchi, Chefredaktor des Beobachters, im Editorial mit dem Titel ‚Die blinde Jagd nach Diplomen’ in der Ausgabe 26 vom 21. Dezember 2012 folgende Aussage gemacht:

‚Der Weiterbildungsmarkt ist längst unüberschaubar, doch er wird nach Kräften weiter gefördert’

Da hat er in der Tat den wunden Punkt getroffen. Es braucht Regeln, Leitplanken und Richtlinien, die den Bildungsmarkt übersichtlicher gestalten. Aber kleinkarierte, dirigistische Massnahmen, die wieder alles übernormieren, sind sicher der falsche Ansatz. In seinem Editorial schreibt er weiter:

Nicht jedes Diplom fördert die berufliche Entwicklung...‚Es ist zu hoffen, dass hier nicht bürokratisch überreguliert und –reglementiert wird. Was wir brauchen, ist kein durchnormierter und kontrollierter Weiterbildungssupermarkt für jedermanns Selbstverwirklichung. Es genügen klare Kriterien zur Orientierungshilfe und ein möglichst auf die Bedürfnisse des Stellenmarkts ausgerichtetes subventioniertes Grundangebot, das insbesondere jene fördert, deren Jobchancen im Interesse des ganzen Landes erhöht werden sollen. Alles, was darüber hinausgeht, darf ruhig dem Markt überlassen werden.’

Der Chefredaktor des Beobachters bringt es glasklar auf den Punkt: Diplome auf Vorrat bringen nichts. Schon gar nichts für die Wirtschaft. Alles andere ist Privatsache.  Der Artikel wurden von den Journalistinnen Claudia Imfeld, Nicole Krättli und Susanne Loacker recherchiert und unter dem Titel ‚Keine Zukunft trotz Diplom? Über fünf Milliarden Franken geben die Schweizerinnen und Schweizer jährlich für Weiterbildung aus. Lohn sich das wirklich?’ publiziert. Mit diesem LINK kommen Sie gleich zum sehr lesenswerten Beitrag!

Die neue Wirtschaftsgrippe: Morbus Diplomitis., 10.0 out of 10 based on 8 ratings

VN:F [1.9.21_1169]
Rating: 10.0/10 (8 votes cast)
Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.