Feb 21

Mit dem Lehrstellenexpress im Schnellzugstempo zum Gleisbau.

Autor: HRToday

Manche Ausbildungsplätze gehen weg wie warme Weggli. Das KV beispielsweise. Andere sind weniger beliebt. Zu diesen gehört der Gleisbau. Und auch in der Pflege hapert es mit dem Nachwuchs. Was tun Unternehmen, um in diesen Bereichen ihre Lehrstellen und Praktikumsplätze besetzen zu können? Franziska Meier von HR Today hat bei fünf Organisationen nachgefragt.

80 Gleisbau-Lehrstellen versucht Login, der Ausbildungsverbund im Bereich Verkehr, für seine Mitgliedsfirmen jährlich zu besetzen. Zum Beispiel für die SBB, die BLS oder die auf Bahninfrastruktur spezialisierte Sersa Group. Es ist alles andere als einfach. Denn die Jugendlichen «streben vermehrt Richtung Büro und weiterführende Schulen, und Berufe im Übergwändli sinken in deren Ansehen», wie Stephanie Kriesel, Leiterin Unternehmenskommunikation bei Login, sagt. Informatik sowie das KV sind die Stars in ihrem Lehrstellenangebot, Gebäudereinigung und Gleisbau liegen auf den letzten Beliebtheitsplätzen.

Was tut Login, um die Lehrstellen trotzdem besetzen zu können? «Wir sind mit unseren Kommunikationsmassnahmen auf sieben aufeinander abgestimmten Kanälen aktiv», erklärt Stephanie Kriesel. Diese Kanäle sind

  • Medienarbeit (zum Beispiel Ausbildungsbeilagen in Zeitungen),
  • Corporate Publishing (Broschüren zum jeweiligen Beruf),
  • Werbung,
  • Online (präsent auf Facebook und Youtube),
  • Berufsmessen,
  • Sportsponsoring und
  • Beziehungsmarketing (eine Abteilung von Login ist regelmässig in Schulen und Berufsberatungszentren unterwegs).

Es darf auch ein bisschen ausgefallen sein: Der Ausbildungsverbund führt im Sommer auch einmal eine Eigenwerbungs-Aktion in der Badi durch oder kreiert – unter www.game.login.org nachzuspielen – ein Online-Flippergame, um bei den Jugendlichen Interesse für die Verkehrswelt zu wecken.

Login: Der Lehrstellenexpress bringt Gewissheit innerhalb einer Woche

So weit die allgemeinen Bemühungen. Speziell für den Gleisbau wurde dieses Jahr der Lehrstellenexpress geschaffen: Das Rekrutierungsverfahren, das üblicherweise mehrere Wochen dauert, wurde während der Osterferien innerhalb einer Woche durchgezogen. Stephanie Kriesel: «Man kommt am Montag, und am Freitag weiss man, ob man eine Lehrstelle hat. Dieses schnelle ‹Kommen, Überlegen, Zu-/Absagen› entspricht den Jugendlichen.» Zudem wurde das Beziehungsmarketing mit Schulen intensiviert und eine Aktion «Lernende werben Lernende» mit Vermittlungsbonus durchgeführt. Mit diesen massiv gesteigerten Aufwendungen hat Login die Gleisbau-Lehrstellenbesetzung von 70 auf 81 Prozent steigern können. Um die Nachwuchsfrage in wenig beliebten Berufen zu erleichtern, schlägt Stephanie Kriesel vor, die Ausbildung unter die Lupe zu nehmen: «Sind alle verlangten Anforderungen zwingend nötig?» Es könne sinnvoll sein, kürzere Ausbildungen anzubieten, die sich später erweitern lassen, wie es etwa bei Ausbildungen mit dem eidgenössischen Berufsattest als Abschluss der Fall sei.

«Denn viele Jugendliche machen erst später den Knopf auf.»

Und so will Login die Ausbildungen künftig verstärkt auf den tatsächlichen Bedarf an Kompetenzen bei den Mitgliedsfirmen ausrichten.

Sersa Group: Rotation der Lernenden soll Ausstieg aus Branche verhindern

Eine weitere Möglichkeit, wie der Gleisbau den Jugendlichen nähergebracht werden kann, nennt Alex Eger, Leiter HR Sersa Group Schweiz: «Man hat in diesem Bereich Möglichkeiten, die über jene der klassischen Industrie hinausgehen. Durch Weiterbildungen kann man sich im Gleisbau von ganz unten nach ganz oben hocharbeiten, kann bereits mit 25–27 Jahren ein Team übernehmen.» Daraus können sich später Fachkarrieren entwickeln. Ebenfalls wichtig ist, den bekannten Schattenseiten eines Jobs die manchmal weniger bekannten Sonnenseiten entgegenzusetzen. Zwar muss man im Gleisbau Kälte, Nässe und unregelmässige Arbeitszeit sowie Wochenend- und Nachtarbeit in Kauf nehmen. Doch bietet der Beruf viel Abwechslung. «Im Gleisbau weiss man vor Arbeitsbeginn nicht, was auf einen zukommt», sagt Alex Eger. «Im Team ist man unterwegs, hat immer wieder einen neuen Arbeitsort. Man wird konfrontiert mit unterschiedlicher Geografie, denn keine Strecke ist wie die andere.» Die Anwerbung von Lernenden hat die Sersa Group an Login ausgelagert. Bauchschmerzen bereitet dem Unternehmen vielmehr die nächste Übertrittsphase: jene nach der Lehre. Die Übernahmequote sei zwar gut, sagt Alex Eger, sie decke aber niemals den Bedarf. Denn längst nicht jeder, der Gleisbau gelernt hat, will auch in diesem Bereich arbeiten. «Entweder die Lernenden bleiben nach Lehrabschluss beim Betrieb, der sie ausgebildet hat – und dann bleiben sie meist relativ lange –, oder sie gehen für die Gesamtbranche des öffentlichen Verkehrs verloren. Das Abwerben von einem anderen Betrieb ist schwierig», so Alex Eger. Hier wird Gegensteuer gegeben, indem die Jugendlichen während der Lehre zeitweise auch in andere Betriebe arbeiten gehen können. Zudem stellt die Sersa Group an Infoveranstaltungen, die allen Login-Mitgliedsfirmen und deren Lernenden offenstehen, ihre Vakanzen vor.

SBB: Berufsinhalte erweitern und neue Zielgruppen ansprechen

Die SBB hat sowohl eine interne Nachwuchssicherung wie auch eine externe (unter anderem Login). «Ein Nachwuchsproblem in der Grundbildung besteht bei uns zwar noch nicht», sagt Markus Jordi, Leiter HR SBB. «Aber wir sehen die Demografiewolken aufziehen und arbeiten deshalb an unserer Attraktivität.» Im Bereich der Grundbildung beschäftigen die SBB 1350 Lernende. Die Übernahmequoten nach der Lehre sind sehr unterschiedlich, von unter 50 Prozent bei den Polymechanikern über 60–70 Prozent beim KV ÖV bis zu 85–90 Prozent beim Gleisbau. Auch hier also ist der Gleisbau das Kernthema. Was tun die SBB, um hier den Nachwuchs zu sichern? «Das Berufsbild ist auf den ersten Blick nicht so attraktiv. Wir werden deshalb in Zukunft den Beruf anders verpacken, um ihn besser verkaufen zu können, und gleichzeitig die Berufsinhalte ausbauen», so Jordi. Es gehe auch darum, vermehrt Laufbahnmodelle und Karriereschritte aufzuzeigen, die bahnspezifischen Weiterbildungsmöglichkeiten eines Gleisbauers zu optimieren, in der Aus- und Weiterbildung jeweils die neusten Technologien zu vermitteln, die interne Durchlässigkeit zu anderen Berufsfeldern zu erweitern und auch für mehr Durchlässigkeit zu anderen Branchen wie Strassen- und Tiefbau zu sorgen.  Markus Jordi hat auch neue Zielgruppen im Auge. Vorstellbar ist für ihn, gezielt Jugendliche mit Migrationshintergrund anzusprechen. Etwa jene, für welche die Lehrstellensuche aufgrund eines -ic am Namensende schwieriger ist. Oder jene, welche die deutsche Sprache noch nicht 100 Prozent beherrschen. Und Personen mit schulischem Defizit könnte vermehrt die Attestlehre schmackhaft gemacht werden. Ganz allgemein möchten sich die SBB verstärkt als Grundausbildner positionieren. «Die Menschen verbinden die SBB nicht automatisch mit Lehrlingsausbildung, wie dies etwa bei der Post der Fall ist», sagt Markus Jordi. Deshalb will er mehr Schnittstellen zu den Schulen schaffen, die Marketingaktivitäten im Schulbereich verstärken und einen Schulzug durchs Land schicken.

Berner Bildungszentrum Pflege: Spielfilm mit Beat Schlatter

Die Pflege ist ein weiterer Bereich, wo Personal fehlt. Im Kanton Bern steigen 90 Prozent der neuausgebildeten Pflegefachpersonen via höhere Fachschule – konkret: via das Berner Bildungszentrum Pflege (BZ Pflege) – in den Beruf ein. Die Hauptmassnahmen des BZ Pflege, um Studierende zu gewinnen, sind Bildungsprodukte mit Karriereperspektiven und attraktive Werbung: «In der Werbung setzen wir auf regionale, branchenweite Vernetzung und die Kombination von Massenmedien –print, online – mit personalen Veranstaltungen», erklärt Hansruedi Huber, stellvertretender Leiter Marketing und Kommunikation.   So lancierte das BZ Pflege letztes Jahr beispielsweise den mehrfach ausgezeichneten Spielfilm «Die Praktikantin» (unter anderem mit Beat Schlatter, abrufbar auf Youtube), der an speziellen Events, Infoveranstaltungen und via Website die Interessierten erreichte und in deren soziale Netzwerke einfloss. Das Resultat: «Die Kampagne führte zur Verdoppelung der Anzahl Teilnehmenden an Infoveranstaltungen sowie zu einer markanten Zunahme an Einschreibungen», so Hansruedi Huber. Auf der Produktebene wurde mit der Lancierung eines Bildungsganges für HF-Pflege als Zweitausbildung der Zugang für Quereinsteigerinnen verbessert. 2012 wird dieser durch einen Teilzeitstudiengang abgelöst. Zudem setzt das BZ Pflege im neuen Campus in Bern Ausserholligen auf modernste Infrastruktur, Arbeit mit Simulationspatienten, interprofessionelle Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen wie angehenden Ärzten und Internationalität mit Studierendenaustausch im Rahmen des Erasmus-Programms.

Berner Inselspital: Praktikum mit vorbildlicher Betreuung

Die Studierenden absolvieren Praktika, der grösste Praktikumsplatzanbieter im Kanton Bern ist das Inselspital. Der erwähnte Teilzeitstudiengang ist aus Sicht von Henriette Schmid, Bereichsleiterin Aus- und Weiterbildung in der Direktion Pflege/MTT am Inselspital, ein wichtiger Schritt: «Wir suchen nicht nur 18- bis 22-Jährige, sondern auch Personen in den 30ern, 40ern und darüber. Für solche Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, von der Juristin über die Tierpflegerin bis zum Gärtner, ist aus finanziellen Gründen ein Vollzeitstudium selten machbar. An sie kommen wir nur dank Teilzeitstudium.»  Bei dieser Zielgruppe, so hat ein Projekt gezeigt, sind nicht nur Reife und Belastbarkeit, sondern oft auch sehr grosse Motivation vorhanden. «Die Motivation läuft bei ihnen meist über die Sinnfindung», so Henriette Schmid. «Gute Ausbildung hilft dabei mit, die Fluktuation in den Betrieben zu senken, was ein wichtiges Ziel bei der Rekrutierung ist.»  Die Praktika entscheiden mit darüber, wo Studierende später arbeiten wollen. Darum pflegt das Inselspital nicht nur seinen bereits bekannten Brand, sondern legt viel Wert auf vorbildliche Begleitung, Anleitung und Betreuung der Studierenden im Praktikum.

Eine 24-Stunden-Kita und weniger negative Schlagzeilen

Für die dreijährige Berufslehre Fachfrau/-mann Gesundheit (FaGe) suchen die Betriebe selbst Nachwuchs. Etwa mittels Infoanlässen an Schulen oder im Rahmen des Kantonalen Tages der Gesundheitsberufe, an dem im Oktober 450 Jugendliche das Inselspital besuchten. «Bei der Berufslehre FaGe haben wir die Wahl, wir nehmen vorzugsweise diejenigen, welche eine tertiäre Ausbildung anstreben», so Henriette Schmid. «Bei den Pflegefachpersonen dagegen bekommen wir nicht ganz so viele Praktikantinnen, wie wir gern hätten.» Was müsste generell getan werden, damit Pflegeberufe wieder stärker nachgefragt würden? «Bei uns arbeiten Hunderte von Personen in der Nacht, und 90 Prozent in der Pflege sind Frauen. Sinnvoll wären deshalb zum Beispiel eine 24-Stunden-Kita und allgemein flexible Arbeitslösungen», sagt Henriette Schmid. Bessere Löhne und eine bessere Positionierung in den Betrieben seien weitere wichtige Punkte. «Und nicht zuletzt sind die Zeitungen voll von negativen Schlagzeilen über das Gesundheitswesen», so Schmid. «Eine Verbesserung in diesem Bereich würde auch der Rekrutierung für die Gesundheitsberufe nützen.»

www.medical-jobs-basel.ch

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