Jan 4

Was nützt der Wirtschaft eine weitere Lizentiatsarbeit über das Frühmittelalter?

Autor: PersonalRadar

Man könnte die Frage ganz kurz, einfach und schnöd mit ‚nichts’ beantworten. Das ist stark wahr und doch schwach falsch.

Der wichtigste Motor der schweizerischen Wirtschaft…

Die ausgezeichneten Universitäten der Schweiz produzieren viele fähige Akademikerinnen und Akademiker. Es wird viel studiert, geforscht und publiziert. Die Zahl der Studierenden, die einen sozial- und geisteswissenschaftlichen Abschluss vorweisen können, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Unsere Gesellschaft war noch nie so gut gebildet wie heute. Akademische Bildung bedeutet aber auch eine volkswirtschaftliche Aufgabe und Bürde.

Die bezahlten Gebühren der Studierenden decken nie die eigentlichen Kosten der universitären Bildungsangeboten. Die Wirtschaft leidet jedoch an einem starken Mangel an Fachkräften. Der ‚MINT–Quench’ ist einfach eine Tatsache. In den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik fehlt es an allen Ecken und Enden. Die Wirtschaft leidet enorm an diesem Mangel. Die vielen Jobportale widerspiegeln diese Tatsache. Ob der Numerus clausus (Zulassungsbeschränkung) für die geisteswissenschaftliche Fächern wirklich die richtige Massnahme ist, kann an dieser Stelle ohnehin nicht beantwortet werden.

Die MINT-Studienrichtungen verlangen viel und sind steinhart betreffend Anforderungen. Da geht nichts mit einer lauwarmen Einstellung. Diese steht man auch nur durch, wenn Studierende wirklich von ihrem Fachgebiet überzeugt sind. Der Arbeitsmarkt saugt diese aber nach Ende des erfolgreich abgeschlossenen Studiums mit Leichtigkeit auf. Das kann man von Absolventen/-innen von geisteswissenschaftlichen Studienrichtungen nicht immer behaupten. Viele suchen lange nach der passenden Stelle, die zu ihrem hoch spezialisiertem Fachwissen passt, werden leider oft genug nicht fündig und landen dann in einer anderen Berufssphäre, wo das hart erworbene Wissen nicht die Wirkung entfalten kann.

An dieser Stelle sei die Bemerkung erlaubt, dass sozial- und geisteswissenschaftlichen Studienrichtungen anspruchsvoll wie auch unverzichtbar sind und unbestritten volkswirtschaftlich wichtige Werte schaffen. Wenn jedoch zu viele in diesem Bereich ausgebildet sind und der Arbeitsmarkt diese gescheiten und hoch qualifizierten Arbeitskräfte nicht absorbieren kann, dann stimmt etwas mit dem System nicht. Die Wirtschaft braucht seit langem und immer dringender kluge Köpfe in den MINT-Fachgebieten. Die Unis haben in diesem Land genügend Kapazität solche Fachkräfte ausbilden zu können. Leider herrscht kein Gedränge im Vorlesungssaal. Physik, Mathematik, Chemie, Maschinenbau, Ingenieurwissenschaften und Informatik sind wichtige Wissensgebiete. Dieses Land kann seine hervorragende Position in Sachen Forschung und Innovation aber nur halten, wenn das Wissen zur Verfügung steht und darüber hinaus die wissenschaftlichen Beziehungsnetze im Bereich MINT auch gepflegt werden.

Der Import von klugen Köpfen aus dem Ausland kann sicher Lücken schliessen, ist ein probates Mittel und eine günstige Zuhilfenahme, um das System am Laufen halten. Darauf verlassen kann man sich nie.

Verändern sich die Rahmenbedingungen, dann suchen diese ‚Wissensnomaden’ andere Wirkungsgebiete, die grüneres Gras bieten. Andere Länder rüsten mächtig auf und versuchen mit allen Mitteln hochqualifizierte Intelligenz abzuwerben.

Am 2. Januar 2013 wurde vom schweizerischen Nachrichtenmagazin 10vor10 ein interessanter Beitrag zu diesem Thema mit dem Titel ‚Sozial- und Geisteswissenschaften droht der Numerus Clausus. Klicken Sie auf diesen LINK und sie kommen gleich zum Beitrag.

Auch Prof. Dr. Rudolf Minsch, Chefökonom der economiesuisse, nimmt zu diesem Thema in der Basler Zeitung vom 3. Januar 2013 klar Stellung dazu. Sein folgendes Statement lässt aufhorchen:

Prof. Dr. Rudolf Minsch

„Die Schweiz ist mittlerweile neben Österreich das einzige Land in Europa, das den freien Zugang zu den Hochschulen kennt. Dieses System hat Vor-, aber auch Nachteile. Wir kritisieren nicht den freien Zugang, sondern dass sich die Hochschulen noch wenig Gedanken machen, was, wie viel und für wen sie ausbilden. Auch ein Universitätsstudium ist in erster Linie eine Ausbildung. Wichtig wird es sein, dass die Hochschulen von der Idee «Je mehr Studierende desto besser» wegkommen.“

Mit diesem LINK kommen Sie gleich zum ganzen Artikel.

Ob ein Numerus clausus für sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer wirklich die Lösung schlechthin ist, wird sicher weiter heftig und leidenschaftlich diskutiert werden. Das ist gut so und der Beginn einer möglichen Neuorientierung. Nicht alles muss den wirtschaftlichen Notwendigkeiten zum Opfer fallen. Nichts alles kann wirtschaftlich sein. Aber es kann auch nicht richtig sein, das strategisch wichtige Bereiche unserer Wirtschaft langsam aber sicher trocken gelegt werden, weil das Wissen versiegt. Dieses Bereiche erzeugen immer noch eine sehr hohe Wertschöpfung und sind für den nach wie vor stabilen Wohlstand in diesem Land mit verantwortlich.

Der wichtigste Rohstoff der Schweiz…

PersonalRadar möchte mit den nachfolgenden Links noch auf ähnliche Beiträge verweisen, die schon mal diese Problematik zum Thema hatten. Klicken Sie einfach auf den jeweiligen Titel und Sie kommen direkt zum Beitrag:

  1. Mint hat nichts mit frischem Atem zu tun. Deutschland eine Arbeitswüste für hoch qualifizierte ausländische Spezialisten

  2. Die Ignoranz der Inumeranten. Ohne Mathe kein Müsli

  3. Lieber Inder statt Kinder? Ist die schlechte Note in Mathematik wirklich megageil?

  4. ‚Intelligenz ja – aber i-Tüpfelchen sind Fleiss und Disziplin‘

  5. Der ‚Brain-Drain‘ der anderen löst in der Schweiz ein ‚Brain-Rain‘ aus. Hoffentlich auch weiterhin

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