Jul 11

Ohne florierende Unternehmen geht jeder Staat auf Grund.

Autor: PersonalRadar

Die Arbeitslosigkeit ist in der Schweiz im Juni 2011 noch einmal gesunken. Sinkt sie weiter? Wenn ja, dann nur noch marginal.

Das Seco, das Staatssekretariat für Wirtschaft, hat interessante Zahlen publiziert. Dem Schweizer Arbeitsmarkt geht es gut. Das wissen ohnehin die meisten. Trotzdem ist es sinnvoll den Zahlen und Hintergrundinformationen eine tiefere Betrachtung zu schenken.

  • Ein bisschen mehr als 110000 waren bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) als arbeitslos gemeldet. Das sind im Vergleich zum Vormonat ca. 4300 weniger.
  • Offiziell waren bei den Arbeitsvermittlungszentren mehr als 20000 offene Stellen gemeldet

Die Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie an der Universität Basel kommt jedoch zum Schluss, dass der Arbeitsmarkt an Schwung verliert. Der starke Franken wirkt sich auf jene Firmen aus, die stark exportorientiert sind und deren Margen wie Eis an der Konjunktursonne schmelzen. Bleiben die Gewinne aus, kann weniger beschäftigt werden oder ist die Rentabilität schwach auf der Brust, weil die europäischen Exportmärkte an Währungsschwindsucht leiden, dann ist die Auslagerung der Produktion ins Ausland wieder eine Option vieler Geschäftsleitungen.

Produkte mit einer hohen Wertschöpfung und anspruchsvollen Fertigungstechnologien lassen sich aber nicht so schnell ins Ausland verlagern, da diese auch gut ausgebildete Berufsleute verlangen und der Ausbildungsaufwand ein nicht zu unterschätzender Effort braucht, um die Qualitätsansprüche, die man von Schweizer Produktion gewohnt ist, nicht unnötig zu beschädigen.

Auch die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) kommt zu den gleichen Schlüssen wie oben schon erwähnt. Grundsätzlich wird die Schweizer Wirtschaft weiter wachsen, aber die Dynamik des Wachstums schwächt sich ab. Im direkten Vergleich mit anderen Industrienationen weist dieses Land solide, stabile und gute Beschäftigungsstatistiken aus.

Warum diese Zahlen nach wie vor so hervorragend sind, verdanken wir aber nicht nur der Robustheit der Wirtschaft, sondern auch statistischen Einflüssen, die nicht unerwähnt bleiben sollten.

Die Revision der Arbeitslosenversicherung, die am 1. April 2011 in Kraft trat, verkürzte die Bezugsdauer an Versicherungsleistung und führte dazu, dass weitaus mehr Arbeitslose ihren Versicherungsanspruch verloren und somit nicht mehr als Zählwert in der Arbeitslosenstatistik aufgelistet wurden. Gemäss den Berechnungen Staatsekretariats für Wirtschaft handelt es sich immerhin um ca. 700 Personen, die diese statistische Verzerrung verursachten. Die persönlichen Schicksale, dieser Menschen, die meistens in die Sozialhilfe abdriften, sind oft weitaus tragischer, als dass sich dies die Öffentlichkeit überhaupt bewusst ist. Dass sich die Zahl der Ausgesteuerten monatlich im Durchschnitt von 2300 auf 3060 Personen erhöht hat, verwundert kaum. Die Revision der Arbeitslosenversicherung fordert nun ihren Tribut. Gemäss dem SECO fanden

  • 18% von ihnen eine neue Stelle
  • 26% sind nach wie vor beim RAV gemeldet, obwohl der Versicherungsanspruch erloschen ist. Kurioserweise bedienen sie dadurch immer noch die Arbeitslosenstatistik.
  • Die restlichen 56% sind Menschen, die ausgesteuert wurden und ganz unten angekommen sind.

Besonders erfreulich ist die Situation der Jugendarbeitslosigkeit

Das betrifft junge Menschen zwischen 15 bis 24 Jahre. Bei dieser Gruppe hat sich viel entspannt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist weiter gesunken und verharrt im Moment auf 2,5%. Dieser Wert ist ausgezeichnet. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit ist für jede Wirtschaft und Gesellschaft eine Katastrophe und ein Zeichen kläglichen Versagens. Zieht die Wirtschaft wieder an, kommen diese jungen Menschen nicht einfach zum Zuge, da oft mangelnde Berufserfahrung und eine fragmentierte Berufsausbildung den Einstieg in die Erwerbswelt zusätzlich erschweren und der Wirtschaft aufgrund der mangelnden Arbeitskräften der gewonnene Antrieb wieder stottert und im schlimmsten Fall sogar abgewürgt wird.

Als Nebenbemerkung sei noch angefügt, dass es in der europäischen Union nur die Niederlanden, Deutschland und Österreich schaffen ihre Jugendarbeitslosigkeit unter 10% zu halten.

Eigentlich eine trübe Feststellung. Der Rest der EU-Staaten haben eine solch erschreckend hohe Jugendarbeitslosigkeit, die Böses ahnen lässt und nicht weiter verwundert, wenn grosse Teile der europäischen Jugendlichen frühreif desillusioniert sind, sich destruktiver Fatalismus breit macht und der eigenen beruflichen Zukunft misstrauisch, mitunter sogar ablehnend, entgegen sehen. Das alte soziale Prekariat geht stark unterfinanziert in die Rente und das neue ist schon in den Startlöchern. Ein besorgniserregende Entwicklung. Zudem stimmt es zuweilen höchst alarmierend, wenn einer ganzen Generation junger Menschen voller Freude, Lebenskraft und Daseinslust ihrer zukünftigen existentiellen Grundlagen beraubt werden und dem Interesse an der Ausgestaltung des ganz persönlichen wie auch gesellschaftlichen Lebensentwurfes der Sauerstoff entzogen wird.

Eine Jugend, die dem zunehmenden Vakuum ökonomischer und edukativer Leere ausgesetzt ist, kann implodieren.

In der Schweiz gibt es auch Eintrübungen, die das vordergründige Glänzen matt machen.

Die Kratzer auf der polierten Oberfläche lassen sich nicht wegdiskutieren. Insbesondere jungen Menschen mit sozialen und schulischen Defiziten tun sich schwer damit, oft genug sogar mit externer Unterstützung von Spezialisten/-innen, einen geeigneten Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden. Nicht selten kommen sie nicht einmal für jene Berufe in Frage, wo praktische Fähigkeiten eher in den Vordergrund treten als intellektuelle und der Eintritt weitaus niederschwelliger ist. Gerade die Holz- und Metallindustrie oder die Bauwirtschaft kann ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen.

Auch andere Berufsgruppen leiden unter ihrer mangelnden “Sexyness”. Wer kennt schon einen jungen Menschen, der noch Metzger werden will? Obwohl wir noch nie so viel Fleisch in diesem Land assen.

Es gibt auch viele Firmen, gerade die Basler Pharmaindustrie kann davon ein Lied singen, die mit ach und krach ihre Ausbildungsplätze mit geeigneten Jugendlichen besetzen können. Geeignet heisst in diesem Fall, über genügend Grundkenntnisse in Naturwissenschaften haben, der Mathematik einigermassen mächtig sind und auch den unbedingten Willen haben, eine anspruchsvolle berufliche Grundausbildung bis zum Ende durchzuhalten.

Auszubildende, die abbrechen, kosten viel und kosten der Gesellschaft noch mehr, wenn sie später nicht wieder auf die Spur kommen.

Die Situation hat sich bei den Ausbildungsplätzen stark verbessert.

Trotzdem gibt es auch hier bizarre Tatsachen, die an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben sollen. Im sogenannten trinationalen Metropolitandistrikt, wie das Dreiländereck um Basel auch noch ein wenig geschraubt genannt wird, werden nun die Auszubildenden auch in grenznahen Umland von Deutschland und Frankreich gesucht. Die Nordwestschweiz bietet inzwischen zuwenig geeignete Jugendliche. Die Lücken werden gefüllt mit den Besten aus den ausländischen Nachbarsregionen. Den Unternehmen ist kein Vorwurf zu machen. Sie müssen reagieren, damit der Nachwuchs in Zukunft fähig ist, mehr Verantwortung zu übernehmen und damit die unternehmerische Zukunft sichert. Denn ohne florierende Unternehmen geht jeder Staat auf Grund.

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