Jun 8

Wie viel Loyalität braucht es?

Autor: Renate Burger

In Teil 1 zum Thema Mitarbeiterbindung (Beitrag vom 27. Mai: Ist Loyalität ein Auslaufmodell?) wurde bereits erörtert, was diesen Begriff ausmacht und wie es um die emotionale Bindung in den Unternehmen im Zeitverlauf steht.

Welche Bedeutung hat diese Bindung für den Unternehmenserfolg?
Es hat sich gezeigt, dass emotionale Bindung einen wirksamen Schutz darstellt gegen die ungewollte Abwanderung von Mitarbeitenden. Doch es geht nicht nur darum, gute Arbeitskräfte und Leistungsträger im Unternehmen zu halten, um Fluktuation und Knowhow-Verlust zu vermeiden. Es geht auch um die Erhöhung der Arbeitgeberattraktivität in Zeiten des Fachkräftemangels und Senkung der Rekrutierungskosten bei Neueinstellungen durch gute Mundpropaganda oder positive Beurteilungen in Online-Bewertungsportalen (wie z.B. www.kununu.com). Und es trägt zum Unternehmenserfolg bei, wenn motivierte Mitarbeitende mit hoher Einsatz- und Leistungsbereitschaft sich mit eigenen Ideen und Verbesserungsvorschlägen einbringen, mit den Produkten identifizieren und für die Unternehmensziele einsetzen.

Wodurch kann die emotionale Bindung erhöht werden?
Bei einer Umfrage zu den Top 5 – Motivatoren, die die Loyalität im Job fördern würden, rangierte eine „höhere Bezahlung“ bereits vor einigen Jahren auf Platz 5 hinter „interessante und abwechslungsreiche Tätigkeiten“, „mehr Verantwortung“, „verbessertes Training“ und „gute Work-Life-Balance“ (Quelle: HR Today, Kelly Services, März 2011).

Neben einer angemessenen Vergütung sind es also vielmehr die Arbeitsinhalte, verantwortungsvolle Aufgaben, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten und auch die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, die wichtig sind. Dieser Trend zu mehr inhaltlichen Prioritäten verstärkt sich m.E. durch das Vorrücken der jüngeren Generation in den Unternehmen in verantwortungsvolle Positionen und den allgemeinen Wertewandel. Es wird zunehmend ein Führungsstil erwartet, der Handlungs- und Entwicklungsspielraum gibt.

Vor allem Generation X und Y (Jahrgänge 1965-80/1981-94) findet in abwechslungsreichen Projektaufgaben und flexiblen Arbeitsbedingungen ihre Balance zwischen Arbeit und Freizeit sowie den gewünschten Sinn oder Spass bei der Arbeit nach dem Motto: „Arbeiten um zu leben“. Aber auch der älteren Generation – noch sind viele sog. Babybommer der Jahrgänge 1945-64 in den Unternehmen tätig – helfen z.B. flexible Arbeitsmodelle für einen gleitenden Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand oder um Anforderungen im familiären Umfeld wie der Pflege von Angehörigen gerecht zu werden. Wo diesen Bedürfnissen und Erwartungen mit Flexibilität und Wertschätzung begegnet werden kann, erhöht dies in jedem Fall die emotionale Bindung.

Welche Rolle spielt dabei die Führungskraft?

Sowohl der Geschäftsleitung wie auch den direkten Vorgesetzten kommt in mehrerlei Hinsicht eine entscheidende Funktion zu. Hier einige Beispiele:

  • Kommunikation: Gibt es eine Feedbackkultur im Unternehmen, die konstruktive Kritik zeitnah und nachvollziehbar vorsieht und auch Lob für gute Ergebnisse oder die Würdigung eines gelungenen Projektabschlusses umfasst? Werden die Unternehmensziele intern klar kommuniziert? Nur wenn ich die Ziele kenne, kann ich mich mit ihnen identifizieren und mit voller Kraft für deren Erreichung einsetzen.
  • Vertrauen: Gibt es Spielraum für verantwortungsvolles Handeln und eigenes Mitdenken oder dominiert eher Kontrollverhalten statt Delegieren? Herrscht eine offene Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens in meinem Arbeitsumfeld? Gilt Anwesenheit bis in die späten Abendstunden als Zeichen besonderer Einsatzbereitschaft oder ist eine aufgaben- und ergebnisorientierte Einteilung der Arbeitszeit ausdrücklich erwünscht?
  • Wertschätzung: Werde ich nicht nur als Arbeitskraft, sondern als Mensch wahrgenommen in all seiner Vielfalt, die sich im Team als echter Mehrwert erweisen kann? Kann ich auch über Bedürfnisse sprechen, die nicht unmittelbar meinen Arbeitsplatz betreffen, die aber für meine Leistungsfähigkeit von Bedeutung sind? Erfährt mein Chef/meine Chefin einen entsprechenden Führungsstil von oben?

Diese Denkanstösse zeigen, welchen Einfluss Führungsstil und Unternehmenskultur auf die Loyalität haben können. Rückmeldung zu guten Arbeitsleistungen geht im Arbeitsalltag oft unter und die Förderung persönlicher Stärken gerät gerne zugunsten von Fehlersuche und Fokussierung auf die Schwächen in den Hintergrund. Damit werden Chancen zur Förderung emotionaler Bindung vertan.

Renate Burger, Autorin dieses Beitrages. Klicken Sie aufs Bild für mehr Infos.

Wie viel Bindung braucht es denn?
Punkt 1: Man wird nicht alle ins Boot holen können und es gibt durchaus auch eine gesunde Fluktuation, die frischen Wind ins Unternehmen bringen und vor Betriebsblindheit schützen kann. Innerlich bereits Gekündigte (ohne Bindung) ziehen zu lassen, mag für das Betriebsklima besser sein als schlechte Stimmung im Team oder im Kundenkontakt in Kauf zu nehmen.
Punkt 2: Zu viel des Guten ist meist ungesund: Übermotivierte Mitarbeiter, die „bis zum Umfallen“ schuften und ihre Leistungsfähigkeit über längere Zeit überschätzen, laufen Gefahr früher oder später auszubrennen und krankheitsbedingt auszufallen. Auch hier kommt die Führungskraft mit ihrer Vorbildfunktion ins Spiel, mit einer eigenen guten Work-Life-Balance statt Workaholismus, sowie ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), das erste Warnzeichen erkennt und noch vor dem totalen Burnout rechtzeitig gegensteuert.

Fazit: Ziel sollte es somit sein, ein gesundes Mass an Bindung zu fördern durch geeignete zielgruppenspezifische Massnahmen (z.B. für Auszubildende, Neueintritte, Nachwuchskräfte, Knowhow-Träger etc.) und vor allem durch entsprechendes Führungsverhalten.

Aus eigener Erfahrung und jahrelanger beruflicher Praxis kann ich sagen: Fühle ich mich mit meinen persönlichen Erwartungen und Bedürfnissen ernst genommen, bin ich umgekehrt auch bereit, auf betriebliche Erfordernisse flexibel einzugehen. Fühle ich mich gut informiert und weiss, wofür ich mich als Teil eines grösseren Ganzen bei den anstehenden Aufgaben einsetze, stärkt dies mein Zugehörigkeitsgefühl und damit auch meine Loyalität!

www.burger-personal.com

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