Jan 13

Der Interviewroboter spricht mir aus der Seele…

Autor: PersonalRadar

Diese Aussage hat inzwischen eine tiefere Bedeutung erlangt. Die Stimme wird zum Psychogramm und soll angeblich ein Abbild der Persönlichkeit sein. 

Natural Language Processing  Data Mining wird in Zukunft das neue Spielzeug vieler Fachdisziplinen heissen, die sich eine präzise psychografische Interpretation einer Persönlichkeit wünschen, um daraus wichtige Schlüsse ziehen zu können.

Die Software Precire analysiert blitzschnell Tonlage, Wortwahl, Satzbau sowie Sprachgeschwindigkeit  und – rhythmus eines Menschen. Sie wirbt mit dem Angebot wie folgt:

Precire zerlegt geschriebene und gesprochene Sprache in zehntausende winzig kleine, digitale Bausteine und Elemente („features“). Die aus diesen Bausteinen entstehenden Datenräume und Datenwolken vergleicht PRECIRE mit Mustern und Strukturen tausender psychologisch fundierter Referenzdaten. Auf diese Weise kann die Software präzise Aussagen etwa über die kommunikative Wirkung einer Sprache, über Emotion, Persönlichkeit und sprachliche  Kompetenz eines Menschen, aber auch über Motive und Einstellungen einzelner oder Gruppen von Menschen treffen. Natural Language Processing, Data Mining, Linguistik und Psychologie sind die Basis dieser Technologie, Quelle: www.precire.com/de/start.

Dazu wie folgt ein kurzer Erklärfilm (Quelle: www.precire.de)

Mit den gewonnenen Daten erstellt das Programm eine psychologische Charakterisierung. Die Methode ist bestechend. Man hält ein Plauderstündchen mit einem ‚Interviewroboter‘, derweil die Software die Stimmlage prüft und nach einer Viertelstunde ist sich diese angeblich im Klaren, wer mit ihr spricht und welche Persönlichkeit die Stimme formt. Was passiert aber, wenn die Stimmlage aufgrund von äusseren Faktoren wie Stimmbandreizung, Heiserkeit oder anderen stimmlichen Unpässlichkeiten für ein solches Interview nicht fit ist? Wird man dann als unpassend aussortiert?

Es war schon immer ein Bedürfnis der Menschen über das Gegenüber schnell Klarheit zu erlangen. Gerade bei Rekrutierungsprozessen, der Forensik und der Partnersuche sind methodische Analysen angeblich eine grosse Hilfe, um passende und richtige Entscheidungen fällen zu können. Schon über den Lügendetektor gibt es unzählige Geschichten wie dieser zwischen Gut und Böse unterschied.  Es gab aber auch immer wieder Fälle, die juristisch aufgearbeitet werden mussten, weil die Maschine falsche  Resultate lieferte, die zu ungerechtfertigten Verurteilungen führten.

Eignungsdiagnostische Software wird schon in vielen Bereichen eingesetzt. Die Validität der Anwendungen ist zuweilen erstaunlich hoch. Viele Anwendungen beruhen jedoch nur auf Selbsteinschätzungen. Mit ausgeklügelten Logarithmusfunktionen versucht man den Widersprüchlichkeiten der gemachten Aussagen auf die Spur zu kommen, damit Manipulationen aufgedeckt werden können. Nicht immer führt das jedoch zum Ziel.

Als die ‚Assessment-Kultur‘ epidemisch wurde und jedes noch so kleine Unternehmen davon überzeugt war, dass diese Methode bessere Resultate erzeugt, rüstete auch die andere Seite auf. Immer mehr Betroffene vertieften sich via die reichhaltige Fachliteratur in die Befragungsmethodik der Assessoren und lernten so die Minenfelder kennen und zu umgehen. Ausgepuffte Bewerbende wissen heute ziemlich genau wie sie ein Assessment oder eine eignungsdiagnostische Anwendung austricksen können, damit sie im Bewerbungsprozess weiterkommen. Viele dieser Kandidaten haben zudem schon aufwändige Selektionsprozedere hinter sich gebracht und während dieser Zeit viel Erfahrung sammeln können. Selbst auf die Körpersprache kann man sich nicht mehr verlassen. Auch in diesem Bereich gibt es eine forcierte Aufrüstung des angepassten Verhaltens, aufgrund einschlägiger Literatur, die Bewerbende zuweilen intensiv lesen, um ihre wahre Persönlichkeit möglichst verschleiern zu können.

Der Mensch kann fragmentarisch ‚gelesen‘ werden. Die absolute Deutungshoheit bietet keine Software und keine noch so psychologisch gestützte Methodik, um sich wirklich sicher zu sein, wer vor einem sitzt. Ein Restrisiko ist immer da. Vielleicht sollte man auch mal von einer ‚Restchance‘ reden. Viele Menschen entwickeln überraschend positiv besetzte Handlungen, weil die berufliche oder soziale Einbettung dermassen gut passt, dass sie regelrecht aus ihrer Haut schlüpfen und somit auch zu einer neuen Stimmlage fähig sind. Die persönliche Stimmung schlägt den Menschen immer auf die Stimme.  Frei nach dem launischen Spruch von Martin Luther: ‚Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.‘ Wenn ein Optimist schlecht drauf ist, dann verändert sich auch die Koloratur seiner Stimme. Ist er dann automatisch ein Pessimist?

Ob all die metrischen Systeme die Komplexität des Menschen wahrheitsgetreu abbilden? Wohl nicht. Die Ungenauigkeit verhilft zu besseren Resultaten…

 

Die Stimmanalyse ist ein weiterer Versuch, dem bizarren Wesen ‚Homo sapiens‘ noch näher zu kommen, um die  schattigen Wesenszüge seiner Persönlichkeit dichter ans Licht zerren zu können. Vielleicht erweitert sich das Gesichtsfeld. Vieles bleibt im Verborgenen. Das ist gut so. Zudem werden die Datenschützer noch ein gewichtiges Wort mitreden wollen, wenn uns die Interviewroboter auf die Pelle, ähhh Stimme, rücken.

Bald gibt es wahrscheinlich technisch hochgerüstete Toiletten, die die ihnen anvertrauten menschlichen Ausscheidungen umgehend auf ihre chemische wie auch biologische Konsistenz prüfen und nach der Spülung sofort eine Analyse über den Gesundheitszustand des Nutzenden ausspucken. Im dümmsten Fall geht noch eine Meldung an die Krankenkasse, damit diese im Vorfeld schon vor der nächsten Spülung Gegenmassnahmen ergreifen kann.

Der Einsatz der Stimmanalyse als Rekrutierungsinstrument wird kommen. Ebenso der Interviewroboter. Ob man damit die besseren Entscheidungen treffen kann, ist so unsicher wie die persönliche Stimmung am folgenden Tag. Schöne neue Welt…

Zum Thema Stimmanalyse gibt es zahlreich weitere Stimmen wie folgt:

  1. Sprich, und ich sag dir, wer du bist (NZZ)
  2. Verrät die Sprache unsere Persönlichkeit (Blog Datenschutz Notizen)
  3. Bewerbungsgespräch: Was die Stimme über die Persönlichkeit verrät (Stern)
  4. Wenn Software in die Seele des Bewerbers schaut (Computerwoche)
  5. Personalauswahl: Neue Sprachanalyse durchleutet Bewerber (DerStandard.at)
  6. Deine Sprache verrät dich (FAZ)
  7. Ärger des Monats. Der Chef im Schlafzimmer (Wirtschaftspsychologie aktuell)
  8. Wie Computerprogramme unsere Psyche auslesen (Bayerischer Rundfunk)
  9. Machines Of Loving Grace / Algorithmen sind keine guten Personenvermittler (wired.de)
  10. App als Chef – wie Software Mitarbeiter durchleuchtet (Manager Magazin)
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