Mai 22

Die Befehlskultur der Schweizer Armee passt nicht in die Wirtschaft. Ist das wirklich ein Problem?

Autor: PersonalRadar

Der Militärdienst ist für männliche Schweizerbürger obligatorisch. Punkt. So steht es auch klipp und klar in der Verfassung der Schweiz. Inzwischen kann der Militärdienst auch mit einem länger dauernden Zivildienst kompensiert werden. Dienstuntauglichkeit kostet. Dieser Beitrag richtet sich nach dem Einkommen. So weit, so gut!

(Bildquelle: www.pixabay.com)

Die Diskussion, ob eine militärische Führungsausbildung auch in der Wirtschaft nützt, kommt immer dann wieder auf, wenn die Gemüter aufgrund eines Ereignisses hochkochen. Kürzlich publizierte eine Firma in Genf ein Stelleninserat. Am Schluss des Textes wurde mitgeteilt, dass männliche Bewerbende, die militärdienstpflichtig sind, sich nicht bewerben sollten. Deren Dossiers werden abgelehnt. Das ist selbstverständlich diskriminierend. Auch in Hinsicht darauf, dass junge Männer mit Schweizer Pass, sich das auch nicht aussuchen können. Der Führung dieser Firma würde ein paar Lektionen Staatskunde sicher gut tun. Es ist jedoch ein Sturm im Wasserglas.

Es ist jedoch eine Tatsache, dass mehr und mehr Unternehmen das Verständnis für militärische Aufgebote ihrer männlichen Belegschaft fehlt. Es nervt. Je nach Dienstgrad sind solche Mitarbeiter, wenn sie nicht als Durchdiener ihre Wehrpflicht an einem Stück hinter sich gebracht haben, in der Regel pro Wiederholungkurs (WK) mindestens 3-4 Wochen weg. Selbstverständlich wird der Lohn zu grossen Teilen über die Erwerbsersatzordnung (EO) kompensiert. Diese Beiträge kommen übrigens auch von den Frauen. Trotzdem fehlen solche Mitarbeiter in der Firma und verursachen spürbar Lücken. Gerade dann, wenn sie über spezielles Nischenwissen verfügen, das nicht redundant in der Firma vorhanden ist und so unter Umständen Projekte und wichtige Geschäfte eintrüben.

Der Armee gehen die Führungskräfte aus. Nicht weil es eine schlechte Armee wäre und die Offiziersausbildung nichts wert ist. Der gesellschaftliche Stellenwert der Armee hat sich einfach fundamental verändert. Das allgemeine Verständnis für ihre Bedürfnisse sinkt stark.

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Früher konnte ein hoher Offizier, der sehr oft auch eine Führungsfunktion in der Wirtschaft bekleidete, damit rechnen, dass sein Arbeitgeber davon unterrichtet war und auch akzeptierte, dass ein Teil der zeitlichen wie auch infrastrukturellen Ressourcen für die Armeeaufgaben zur Verfügung stehen müssen. Der Wert der Milizarmee war unbestritten. Musste die persönliche Assistentin noch Sachen für ihren Chef vorbereiten, damit zum Beispiel beim nächsten Wiederholungskurs auch wirklich alles gut lief, war das nichts Besonderes.

Die Zeiten haben sich geändert. Und genau das macht der Armee zu schaffen. Das historisch tradierte Selbstverständnis, das das helvetische Wehrwesen Teil der Wirtschaft bildet ist vorbei. Erwerbsersatzordnung hin oder her. Viele Firmen sind multinational ausgerichtet. Die Führungsteams ebenso. Vielen fehlt schlicht das Wissen und somit das Verständnis für die langen Abwesenheiten von Militärdienstpflichtigen, die mitunter selber Führungsaufgaben bekleiden und durch ihre Abwesenheit Lücken reissen, die andere mit Mehrarbeit füllen müssen.

Auch die Frage, ob die erworbene Führungskompetenz eines Offiziers in der Wirtschaft einen Wert abbildet, kann man rundweg mit Nein beantworten. Das muss selbstverständlich nicht für jede Branche so gelten. In der Armee erworbene Führungskompetenzen sind sicher dort wertvoll, wo paramilitärische Sonderformen oder stark hierarchisch ausgerichtete Strukturen vorherrschend sind.

Bei der Polizei, bei der Feuerwehr oder auch auf dem Bau wird viel angeordnet, befohlen und ausgeführt. Das hat auch mit den spezifischen Bedürfnissen nach Sicherheit zu tun. Bei der Polizei kann man nicht lange diskutieren, ob ein Einbrecher nun festgenommen wird. Es wird befohlen und ausgeführt. Auch der Kranführer braucht klare Anweisungen, die durchaus in einem imperativen Duktus geäussert werden, damit klar ist, was er machen muss, wenn er selber, aufgrund versperrter Sicht oder Arbeitshöhe, keine Entscheidungen fällen kann. Auch hier geht es um Sicherheit. Bei nur kleinen Missverständnissen können tonnenschwere Lasten Bauarbeiter leicht erdrücken. Viele dieser Branchen werden von Männern dominiert, die auch Militärdienst leisteten und somit mit dieser Welt vertraut sind. Es stört sie nicht.

Der schnarrende, bellende, scharfe, brüllende und befehlende Offizierston ist bei einer kombattanten Truppe sicher richtig. Bei einem Angriff aus dem Schützengraben heraus, kann nicht lange diskutiert werden, ob dieser Befehl nun Sinn macht, die Menschenrechte beachtet und die Haager Landkriegsordnung respektiert werden. Es wird befohlen und es wird ausgeführt; blind dem Offizier vertrauend.

Diese Führungsanwendung funktioniert in der Wirtschaft in den seltensten Fällen. Entscheidungen werden im Team geformt. Die wertepluralistische Realität verlangt ebenso ihren Tribut. Mit einem Offizierston verscherzt man sich in kurzer Zeit die Wertschätzung innerhalb einer Firma. Menschen sind sich das einfach nicht mehr gewohnt. Lange Friedensperioden schaffen ebenso gesellschaftspolitische Realitäten. Offiziere würden das wahrscheinlich als defätistische Kollateralschäden bezeichnen. Die militärische Führungs- und Kommunikationskultur ist in einer Wehrorganisation richtig. Auf der Teppichetage eines international ausgerichteten Pharmaunternehmens würde man sich ungläubig die Augen reiben und sich lächelnd fragen, ob ein Komiker die Runde aufheitern möchte oder vielleicht der betriebsärztliche Dienst aufboten werden muss, weil man der Meinung ist, dass ein Nervenzusammenbruch die Handlungshoheit der betroffenen Person beeinträchtigt.

Die Frage, ob die Führungsmethodik der Armee auf die Wirtschaft anwendbar ist, sollte man nicht mehr fragen. Sie tut es nicht. Nicht weil sie schlecht ist. Sie ist gut. Sie passt aber nur zur Armee oder zu einem armeeähnlichen Umfeld. Sie kann das Verständnis von Führung ergänzen, aber nie dominieren. Die Führungsansprüche in der Wirtschaft sind komplexer. Befehle kommen schlecht an. Die vielfältigen Techniken der Lösungsfindung sind besser akzeptiert.

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Es wird nicht einfach ausgeführt, weil der Chef oder die Chefin es so will. In reifen, intelligenten Führungsstrukturen ist das ‚Schwarmdenken‘ Teil des unternehmerischen Alltags geworden. In der Armee wäre das undenkbar, wenn auch der einfache Soldat noch seinen Senf zum Entscheid des Offiziers beitragen könnte und ihn beeinflusst. In Krisensituationen kann man nicht lange reflektieren und den Perspektivenwechsel wagen. Nein. Es muss sofort reagiert werden. Das geht nur, wenn der Gehorsam verinnerlicht wird.

In der Wirtschaft ist die kritische Unbotmässigkeit ein Segen. Sie spart Geld, schützt vor Risiken und bewahrt Unternehmen vor dem Ruin. Das funktioniert aber nur in einem Umfeld, wo das Mitdenken und –reden Teil der Führungskultur ist.

Die Armee muss aufhören sich mit der Wirtschaft zu vergleichen. Sie hat andere, ebenso wichtige Aufgaben zu erfüllen. Sie muss Land und Menschen vor kriegerischen Ereignissen schützen und verteidigen. Punkt. Dazu braucht es Führungspersonal, das durchsetzungsfähig ist, vernetzt denkt und Menschen führen kann. Die Armee kann nichts dafür, dass sie im Moment für junge Menschen nicht so attraktiv ist und von der Wirtschaft bedrängt wird, deren Rahmenbedingungen einfach viel besser sind. Es ist die Aufgabe der Politik pragmatische Lösungen zu finden, damit die hellen Köpfe in der Armee Karriere machen möchten und die Kaderselektion des Führungspersonals endlich ein Bollwerk gegen die Verlockungen der Wirtschaft sind. Mittelmass bekommt keiner Armee gut. Schliesslich hat dieses Land die beste Armee der Welt. Oder mindestens die zweitbeste. Es wird Zeit, dass die besten jungen Männer, ebenso auch Frauen, die den Dienst freiwillig leisten, und die sich für Führungsaufgaben eignen, exzellente Rahmenbedingungen erhalten, die sie klar für die Armee entscheiden lassen, im klaren Wissen darum, dass die erworbenen Fähigkeiten in den zivilen Berufen weitaus weniger zählen. Es braucht noch viele kreative Ideen, damit der Aderlass an gescheiten Köpfen gestoppt werden kann.

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