Jul 4

Ein Plädoyer für die Graphologie: Zeig mir Deine Schrift und ich sag Dir, wer Du bist.

Autor: HRToday

HR TodayAufgrund der Handschrift Rückschlüsse auf die Eigenschaften einer Person zu ziehen, ist umstritten. Seit der Jahrtausendwende haben darum auch viele Personalverantwortliche der Graphologie den Rücken gekehrt. Zu rasch: Denn Graphologie hat nachweislich ihre Stärken, und muss selbst den Vergleich mit Assessments nicht scheuen. Ein Kontrapunkt zur ablehnenden Haltung gegenüber einer effizienten und aufschlussreichen Methode (Ein Beitrag von: Christian P. Katz, HR Today).

Als Arbeitspsychologe plädiere ich für wissenschaftlich geprüfte Methoden. Der Graphologie stand ich stets skeptisch gegenüber. Gleichzeitig war ich aber immer wieder fasziniert, wie mein Vater, der Graphologe war, zutreffende Persönlichkeitsbeschreibungen allein aufgrund von Handschriften abgeben konnte. Ich wollte es genauer wissen und habe 2011 an der Hochschue für Angewandte Psychologie in Zürich einen CAS-Lehrgang in Schriftpsychologie abgeschlossen und mich intensiv mit der Methode auseinandergesetzt. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass sie zu Unrecht in Vergessenheit und sogar in Verruf geraten ist, und als effiziente Methode ihre Bedeutung für die Personalauslese zurückerlangen sollte.

Die Globalisierung auch im Personalmanagement hat zu einer Priorisierung anglo-amerikanischer Methoden geführt. In der Ausbildung für Personalwesen wird kaum mehr auf die Graphologie hingewiesen. Und die akademische Psychologie distanziert sich zunehmend von Methoden, deren Qualität sich mit den heute gängigen wissenschaftlichen Prüfverfahren nicht eindeutig nachweisen lassen.

In den Hintergrund gerückt: Graphologie wird bei der Personalrekrutierung nur noch selten eingesetzt (Bild: students-careers, Quelle: HR Today).

Dass aber ein ausschliesslich zahlenorientiertes Wissenschaftsverständnis zu kurz greift, räumen mittlerweile sogar auch prominente Vertreterinnen und Vertreter klassischer naturwissenschaftlicher Disziplinen wie Physik oder Biologie ein: Die heute zur Verfügung stehenden Erklärungsmodelle können der Komplexität ihrer Fachgebiete nicht vollumfänglich gerecht werden; es gibt evidente und beobachtbare Phänomene, die (noch) nicht mess- oder beweisbar sind.

Weshalb die Abkehr?

Die Graphologie ist mit statistischen Methoden schlecht überprüfbar. Trotzdem ist sie besonders gut geeignet, die Vielschichtigkeit und Komplexität der menschlichen Persönlichkeit sinnvoll zu erfassen. Die Handschrift wird hinsichtlich ihres Bewegungsablaufs, ihrer Formen und ihrer Anordnung auf dem Papier untersucht. Es werden gegen 300 verschiedene Variablen unterschieden, die aber nie eine je eindeutige Bedeutung haben, sondern mehrdeutig sind und in ihrem Gesamtzusammenhang interpretiert werden müssen. Handschrift ist individueller Ausdruck der schreibenden Person, und lässt genau deshalb Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu. Weil die Nuancen einer Handschrift dem ungeübten Auge verborgen bleiben, erweckt die Graphologie bei Laien und analytisch orientierten Wissenschaftlern oft den Verdacht auf Hellseherei oder Esoterik.

Graphologie ist keine «exakte» Wissenschaft mit eindeutigen Wenn-Dann-Beziehungen. Aber sie hat sowohl in Studien als auch in der Praxis ihre Tauglichkeit bewiesen und ermöglicht Aussagen zu Persönlichkeitsaspekten wie Antriebsstruktur, Vitalität, kognitive Strukturen, Leistungsverhalten, soziale Kompetenzen oder psychische Stabilität. Zu diesem Schluss kommen zahlreiche seriöse, leider wenig zitierte Studien. Da es sich bei Persönlichkeitsmerkmalen nicht um exakt messbare, sondern um lediglich verbal beschreibbare Qualitäten handelt, ist es logisch, dass diese Beschreibungen durch verschiedene Schriftpsychologen im Detail unterschiedlich ausfallen, selbst wenn sie den selben Menschen betreffen. Eine komplexe Struktur wie die menschliche Persönlichkeit lässt sich eben aus verschiedenen Blickwinkeln untersuchen und beschreiben.

Ausserdem sind die Persönlichkeitsaspekte lediglich Konstrukte und als solche nie gänzlich exakt definierbar. Dies erschwert die Überprüfung der Validität, das heisst der Frage, ob die postulierten Eigenschaften denn auch wirklich auf die Person zutreffen. Diesbezüglich schneiden aber auch andere diagnostische Verfahren wie beispielsweise standardisierte Persönlichkeitsfragebogen nicht besser ab. Diese liefern zwar Zahlenwerte auf verschiedenen, statistisch geprüften Persönlichkeitsdimensionen und erwecken dadurch den Schein von Objektivität. Damit ist aber für eine schlüssige Interpretation der Resultate sowie ihren praktischen Nutzen nichts gewonnen. Ausserdem handelt es sich letztlich um Selbsteinschätzungen der Probanden. Da bleibt immer der hinlänglich bekannte blinde Fleck, der eine realistische Selbstwahrnehmung beeinträchtigt. Fazit: Sämtliche Methoden zur Untersuchung der Persönlichkeit sind in bezug auf ihre Validität schlecht überprüfbar.

Der Vorwurf von Zufallstreffern

Dieses Problem ist weniger auf die Methoden an sich als auf den zu beschreibenden Gegenstand, also die Persönlichkeit, zurückzuführen. Diese lässt sich zwar nachvollziehbar beschreiben, aber kaum exakt messen. Gegner der Schriftpsychologie verweisen gerne auf Studien, die nachgewiesen haben sollen, dass graphologische Aussagen lediglich Zufallstreffer seien. So wurden etwa Studierende aufgefordert, eine Schriftprobe abzugeben. Das später ausgehändigte, angeblich schriftpsychologische Gutachten wurde von den meisten Probanden als zutreffend erachtet. Was sie nicht wussten: Der Text war für alle der gleiche… Dieses Ergebnis sagt nun aber nichts über die Qualitäten der Schriftpsychologie aus, sondern beweist lediglich, dass Persönlichkeit so beschrieben werden kann, dass sich eine grössere Personengruppe als zutreffend charakterisiert empfindet.

In einer Untersuchung aus den 1980er-Jahren sollten Schriftpsychologen aus der Handschrift verschiedener Personen deren Berufe erkennen. Die Ergebnisse waren negativ. Nicht erstaunlich, denn die Schriftpsychologie hat nie für sich in Anspruch genommen, aus Handschriften Berufe ersehen zu können. In einer anderen Studie konnte angeblich aufgezeigt werden, dass die Aussagen von Graphologen bezüglich voraussichtlichem Berufserfolg und anderer Fragestellungen nicht zutreffender seien als jene eines Psychologen ohne schriftpsychologische Kenntnisse. Eine nachträgliche Analyse dieser Studien zeigt, dass die Ergebnisse durchaus viel positiver zugunsten der Schriftpsychologie interpretiert werden können, was vermuten lässt, dass die Autoren an einem positiveren Ergebnis gar nicht interessiert waren. Die wissenschaftliche Qualität der genannten Untersuchungen wurde in der Folge denn auch verschiedentlich kritisiert. Nichts desto trotz werden sie leider weiterhin gegen die Schriftpsychologie ins Feld geführt.

Dr. Christian P. Katz, Autor dieses Beitrages

Dr. Christian P. Katz ist Arbeits- und Organisationspsychologie und ist hauptsächlich als Unternehmensberatur für die Einführung von Lohnsystemen tätig (www.katzundbaitsch.ch und www.cpkatz.ch).

Der Vergleich mit Assessment-Center

Selbstverständlich kann auch die Graphologie nicht über alle Aspekte der Persönlichkeit eines Menschen Auskunft geben. Aber keine andere Methode liefert bei relativ geringem Aufwand derart umfangreiche Hinweise. Selbst den Vergleich mit dem ungleich kostspieligeren Assessment-Center braucht die Schriftpsychologie nicht zu scheuen. Ihr besonderer Vorteil besteht zudem darin, dass sie die Anwesenheit der Schrifturheber nicht erfordert. Die Beurteilung kann also ohne Einflüsse von Sympathie/Antipathie erfolgen.

Es gibt genügend sachliche Gründe, die in den letzten Jahren in Vergessenheit geratene Graphologie für die Personalselektion wieder vermehrt in Anspruch zu nehmen. Interessierte sind aufgefordert, diese Methode zu testen und sich ein eigenständiges Urteil zu bilden. Dabei sind selbstverständlich die Bestimmungen des Datenschutzes zu beachten: Den Schrifturhebern ist Einsicht in die Resultate der schriftpsychologischen Untersuchung zu gewähren.

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