Jun 25

Wäre Mathe Schokolade, würden Autos schon lange fliegen.

Autor: PersonalRadar

Sie kennen Informatiker/-innen? Das sind doch diese Wesen, die ein wenig autistisch mit durchgelatschtem Schuhwerk, fahler Gesichtshaut durchs Leben schlurfen und ohne Computer verzweifelt die Haare raufen.

Sie leiden an Bewegungsarmut und die üppigen Speckrollen am Bauch machen jedem LKW-Reifen Konkurrenz. Zudem tragen sie Sehhilfen so dick wie Marmeladegläser und nuscheln wirr vor sich hin. Der Mond ist ihnen lieber als die Sonne und die abgewetzte Tastatur ist verklebt vom vergammelten ‚Convenience-Food‘, den sie gedankenlos und ohne Unterlass in sich hineinstopfen. Die Kommunikation mit den anderen höheren Lebewesen auf diesem Planeten ist selbstverständlich binär auf Ja oder Nein reduziert. Na ja – wir kennen das. Vorurteile sind in der Regel stärker, als das Wissen um die Wirklichkeit. Lassen wir doch das Geheimnis raus: Informatiker/-innen sind Menschen. Die schweizerische Informatikbranche kümmert sich stark um diesen Berufsstand.

Vor allem junge Menschen sollen wieder für die Informatik begeistert werden. Um die natürlichen Abgänge auf dem Arbeitsmarkt kompensieren zu können, sollten fünf bis siebentausend junge Menschen in diesem Fachbereich ausgebildet werden. Im Moment stecken aber nur dreitausend Interessierte in einer solchen Ausbildung. Während der sogenannten ‚Dotcom-Zeit‘, wo jeder, der einigermassen des Lesens oder Schreibens kundig war, eine Firma gründete und mit virtuellen Produkten oder Dienstleistungen die eisernen Gesetze der Betriebswirtschaft zu überlisten versuchte, war der Status als Informatiker/-in sexy. Er war sogar so extrem sexy, dass die Bildungsinstitutionen Notsitze installieren mussten, um den Ansturm überhaupt bewältigen zu können. Die neuen Unternehmer/-innen mit den magersüchtigen Businessplänen träumten vom Geldfluss und erkannten den kommenden ‚Cashdrain‘ nicht. Der Rest ist bekannt. Die ‚Dotcom-Blase‘ platzte trocken. Die gesamtwirtschaftlichen Schäden waren gross. Der Nimbus von Genialität und der Machbarkeitswahn der Informatiker/-innen war über Nacht zum Nichts geschrumpft.

Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik haben an den Schulen einen schweren Stand. ‚Die Gymnasien pflegen ein humanistisches Bildungsideal, welches besonders die Sprachen als allgemeinbildend betont. Technik und Naturwissenschaften werden eher als nachgelagert betrachtet‘, sagt Michael Bleichenbacher, Prorektor an der Kantonsschule Oerlikon in Zürich (Quelle NZZ am Sonntag vom 17. Februar 2008).

Unsere Gesellschaft rümpft oft die Nase bei Mathematik. Darin steckt jedoch viel im Alltag. Der Joghurtbecher oder das Toilettenpapier stecken voll mit Mathematik. Das Handy oder die Kosmetika stecken voll mit Mathematik. Diese Mail und der Bildschirm vor dem Sie sitzen stecken voll mit Mathematik. Informatik könnte ohne Mathematik nicht existieren. Ohne Mathematik keine Wirtschaft!

Ein anderer Punkt soll an dieser Stelle mal explizit erwähnt werden. Die Mädchen bilden an den Gymnasien in der Zwischenzeit die Mehrheit. Die jungen Frauen bevorzugen jedoch die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern an der Universität. Die ETH-Informatikingenieurin und selbständige Beraterin Andrea Kennel bringt es nüchtern auf den Punkt: ‚Wenn Frauen erkennen würden, was Informatik wirklich zum Inhalt hat, welche sinnvollen Anwendungen zum Beispiel in der Medizin dank Informatik möglich sind, würden sie das Fach eher studieren‘.

Retten uns wohl die Frauen aus der Informatikmisere? Vielleicht wäre eine konzertierte und nationale Kampagne nützlich, die den jungen Männern und insbesondere den jungen Frauen die Informatik wieder schmackhafter machen würde.

Sie denken das ist übertrieben? Schauen Sie sich einmal ernsthaft die vielen Stellenangebote für Informatiker/-innen an! Die meisten Vakanzen können nur noch mit Spezialisten/-innen aus dem Ausland besetzt werden. Aber die Unternehmen im europäischen Wirtschaftsraum rüsten sich akribisch und immer effizienter gegen diesen ‚Braindrain‘. Sie versuchen Rahmenbedingungen für ihre Spezialisten/-innen zu schaffen, die den helvetischen in nichts mehr nachstehen.

Wirtschaftsstrategisch ist es mehr als vernünftig, wenn die Informatik wieder als das wahrgenommen wird, was sie ist: Ein Fachgebiet, das hoch spannend ist, viele Entwicklungsmöglichkeiten bietet und berufliche Perspektiven in Aussicht stellt, die der Entdeckung einer Goldmine gleicht kommt.

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