Alkohol: Der Kater macht nie blau. Er kostet aber viel Geld…
Alkohol gilt in vielen Unternehmen als Privatsache. Solange niemand lallt, niemand stürzt, niemand ‘offiziell’ auffällt, wird das Thema sauber weggeschoben: Apéro, Kundenessen und Feierabendbier. Alles Kultur, alles normal und alles harmlos.
Nur ist genau diese Normalität die perfekte Tarnung für das, was Firmen tatsächlich Geld kostet: nicht der Absturz, sondern die schleichende Leistungsabnahme. Nicht der Skandal, sondern das dauerhafte ‘Ich bin ja da’. Und wenn jemand ‘ja da’ ist, aber nicht mehr wirklich präsent, zahlt nicht die Person, sondern das Team. Und am Ende die Firma.
Wenige Prozent, grosse Wirkung
Laut dem Schweizer Monitoring (MonAM/Obsan) lag der Anteil der Bevölkerung ab 15 Jahren mit chronisch risikoreichem Alkoholkonsum im Jahr 2022 bei 3,9%. Bei Männern waren es 4,4%, bei Frauen 3,4%. Langfristig ist der Anteil seit 1997 gesunken; bei jüngeren Personen ist er seit 2007 eher stabil, bei über 45-Jährigen rückläufig.
Diese Zahlen wirken klein, bis man sie in die Logik von Betrieben übersetzt: Leistung ist nicht gleichmässig verteilt. Sie hängt an Schlüsselrollen, Schnittstellen, Führung, Kundenkontakt und sicherheitskritischen Tätigkeiten. Wenn dort regelmässig Konzentration, Geduld und Präzision abnehmen, wird aus einem individuellen Muster ein systemischer Kostentreiber.
‘Chronisch risikoreich’ heisst: Es ist nicht der Ausnahmeabend, sondern das Muster
Der Indikator ist nicht vage, sondern klar operationalisiert: Ein Standardglas entspricht 10–12 Gramm reinem Alkohol. Als mittleres Risiko gilt ein durchschnittlicher täglicher Konsum von 20–40 g (2–4 Standardgläser) bei Frauen und 40–60 g (4–6 Standardgläser) bei Männern. Hohes Risiko beginnt bei Frauen über 40 g (>4 Standardgläser) und bei Männern über 60 g (>6 Standardgläser) pro Tag.
Das ist keine Partynacht, das ist Gewohnheit. Und Gewohnheit ist im Berufsleben gefährlicher als der einmalige Exzess, weil sie nicht auffällt, sondern integriert wird: in Routinen, in Launen, in kleine Fehler, in kurze Zündschnüre und in einen langsam sinkenden Qualitätsstandard.
Der teuerste Schaden ist nicht Abwesenheit, sondern Anwesenheit ohne Leistung
Die Schweizer Kostenstudie zu Sucht (Bezugsjahr 2017) liefert die entscheidende betriebliche Perspektive: Beim Thema Alkohol entstehen die grossen Kosten nicht primär durch Absenzen, sondern durch Produktivitätsverluste während der Arbeitszeit, also Präsentismus. Für Alkohol am Arbeitsplatz werden für 2017 direkte Produktivitätsverluste von rund 1,508 Milliarden Franken ausgewiesen.
Davon entfallen 209 Millionen Franken auf Fehlzeiten und 1,299 Milliarden Franken auf Präsentismus. Das ist die unbequeme Rechnung: Der teuerste Fall ist nicht die Person, die fehlt, sondern die Person, die da ist, aber weniger schafft, mehr Fehler produziert, mehr Konflikte auslöst, mehr Risiken übersieht und andere zur Kompensation zwingt.
Im Gesamtrahmen beziffert die Studie die alkoholbezogenen Kosten (direkt und indirekt, Basisszenario) für 2017 auf 2,843 Milliarden Franken. Das ist kein ‘Gesellschaftsthema irgendwo draussen’, sondern ein Teil davon landet genau dort, wo Unternehmen üblicherweise zu spät hinschauen: in Qualitätseinbussen, in Nacharbeit, in Reibung, in Unfällen, in Kundenverlust und in Teamfrust.
Warum Unternehmen das Thema meiden und damit den Schaden konservieren
Viele Firmen meiden das Thema Alkoholmissbrauch, weil sie Angst vor dem falschen Ton haben: zu moralisch, zu privat und zu heikel. Gleichzeitig sind sie kulturell oft selbst Teil des Problems, weil Alkohol in der betrieblichen Sozialarchitektur fest eingebaut ist. Das Resultat ist ein klassischer Managementfehler: Man verwechselt ‘nicht darüber reden’ mit ‘es betrifft uns nicht’.
In Wahrheit bedeutet Schweigen nur, dass der Schaden einfach grösser wird. Präsentismus ist genau deshalb so teuer, weil er nicht als klarer Vorfall aufpoppt, sondern als Dauerrauschen: leicht sinkende Performance, wiederkehrende Patzer, gereizte Stimmung, unzuverlässige Peaks und Tiefs. Und dieses Dauerrauschen frisst Vertrauen, zuerst im Team, dann in der Führung und am Ende in der Arbeitskultur.
Was wirkt ohne Moralpredigt, aber mit Führung
Wenn Unternehmen dieses Thema professionell behandeln wollen, müssen sie nicht detektivisch werden. Sie müssen führungsfähig werden. Das heisst: konsequent auf beobachtbare Leistung und Verhalten fokussieren, nicht auf Vermutungen. Klare Erwartungen an Zuverlässigkeit, Qualität und Zusammenarbeit formulieren. Früh ansprechen, bevor Muster zu Schäden werden.
Und Unterstützung so anbieten, dass sie nicht automatisch in Stigma kippt. Wer Hilfe nur über HR und Aktenlogik organisiert, fördert Verschweigen. Wer vertrauliche, niederschwellige Zugänge schafft, reduziert genau jenen Block, der die teuerste Rechnung produziert: Präsentismus.
In sicherheitskritischen Bereichen braucht es zusätzlich klare Standards. Dort ist ‘ein bisschen beeinträchtigt’ kein Lifestyle, sondern ein Hochrisiko für Dritte. Und ja: Auch Arbeitsgestaltung gehört dazu. Chronischer Druck, Entgrenzung, fehlende Erholung, das sind keine Entschuldigungen, aber bekannte Verstärker. Prävention ist deshalb nicht nur ‘über Alkohol sprechen’, sondern auch ‘Arbeitsbedingungen ernst nehmen’.
Der härteste Satz ist der ehrlichste
Die härteste Wahrheit lautet: Alkohol ist für Unternehmen nicht dann ein Problem, wenn jemand auffällig wird, sondern solange er unauffällig Leistung abbaut. Sie müssen niemanden kontrollieren. Aber Sie müssen entscheiden, ob Sie den stillen Leistungsabfall weiter finanzieren wollen.
Denn die Rechnung kommt nicht einmal im Jahr. Sie kommt jede Woche. In Form von Fehlern, Nacharbeit, Konflikten, Unfällen, Kündigungen und verlorener Glaubwürdigkeit.
Quellenangaben:






