Fach- und Führungskräfte Handwerker

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Artikel-Schlagworte: „Zeugniscodes“

PostHeaderIcon Das Abgangszeugnis – Referenz, die nicht negativ ausfallen darf.

Zeugnisse führen zu wilden Diskussionen und Frustrationen. Oft herrscht beinahe Krieg zwischen dem alten Arbeitgeber und dem austretenden Mitarbeitenden. Dabei wird um Worte und Formulierungen hart gekämpft. Dies, obwohl sie bei einer neuen Bewerbung nur ein Puzzleteil für die Beurteilung der Person darstellen (Ein Beitrag von: HR Today, Toni Nadig).

«In meinem Zeugnis steht ‹zur vollen Zufriedenheit›, das ist schlecht. Es muss ‹zur vollsten Zufriedenheit› heissen. Ich werde mich wehren, nötigenfalls vor dem Arbeitsgericht. Dort erhalte ich sicher Recht», empört sich die scheidende Person. «Voller als voll geht nicht», wird der Arbeitgeber erwidern, der das Zeugnis erteilt hat. Und er hat Recht, denn «vollste Zufriedenheit» ist ein sprachlicher Unsinn. Der betroffene Mitarbeitende ist überzeugt: Es gibt eine geheime Zeugnissprache, so etwas wie die Zeichen, die Bettler und Hausierer früher an Hoftüren malten, um ihresgleichen über grosszügige und geizige «Kunden» zu informieren.

Arbeitszeugnis

Ein Klient erzählte mir kürzlich, in einem Bewerbungsgespräch habe ihm der Interviewer erklärt, dass das von ihm vorgelegte Zwischenzeugnis schlecht sei. Die Formulierung zu seiner Leistung sei nicht ganz klar, sie entspreche nicht dem üblichen Sprachcode. Als Outplacementberater begegnen mir immer wieder Fragen zum Zeugnis. Was sollen wir als Zeugnisgeber tun?

Zunächst einmal muss man klarstellen: Es gibt sie nicht, die geheime Zeugnissprache, die man nur mit Hilfe eines Dechiffriercodes lesen kann.

Mit der «vollsten Zufriedenheit» kann man auch an einen sprachkritischen Arbeitgeber geraten, der angesichts dieser Formulierungen ins Grübeln über die mangelnde Sprachkultur am alten Arbeitsplatz des Bewerbers kommt. Zeugnisse müssen wahr, vollständig und wohlwollend sein. Niemand würde ein Zeugnis vorlegen, in dem eindeutig negative Formulierungen stehen. Meistens liesse sich das auch vor Gericht anfechten.

Es gibt einheitliche Auffassungen darüber, welche Elemente ein Zeugnis unbedingt enthalten muss: die Angaben zur Person, den Aufgabenbereich und die genaue Art der Tätigkeit, die Qualifikation von Leistung und Verhalten, schliesslich eine Weiterempfehlung, den Beendigungsgrund und den Dank. Zu Themen, bei denen man nicht zufrieden war, wird nichts gesagt. Um sie herauszufinden, muss man zwischen den Zeilen lesen können. Fehlt die Aussage zu einem Punkt, weiss man, dass da ein Problem existierte. Besteht das ganze Zeugnis nur aus Floskeln, geht der Aussagewert gegen null – da ist die «vollste» Zufriedenheit auch nicht besser als die «volle».

Wie stark glaube ich den Aussagen eines Zeugnisses? Ich gehe davon aus, dass insbesondere bei Führungskräften etwa ein Drittel ihre Zeugnisse selber geschrieben haben – entsprechend gut sehen sie aus. Schreibt der Vorgesetzte die Beurteilung, liest sie sich anders. Er wird innerlich dem oder der Weggehenden die alleinige Schuld dafür zuschreiben, dass ein Projekt misslungen ist, eine Abteilung schlechte Leistungen erbracht hat oder persönliche Inkompatibilitäten aufgetreten sind.

Hat sich der Schreiber wirklich Mühe gegeben, der beurteilten Person gerecht zu werden? Oder will er sich für das Verlassen der Stelle rächen? Erteilt er aus Bequemlichkeit oder um sich einen guten Ruf zu erhalten, ein Gefälligkeitszeugnis? Diese Fragen müssen wir uns immer wieder stellen. Besonders neugierig werde ich bei perfekten Zeugnissen. Schliesslich: Mit Hilfe von Computern ist es einfach, ein Zeugnis zu manipulieren, Ergänzungen anzubringen oder einige Elemente zu löschen. Gefälligkeits- und Rachezeugnisse werden erstellt.

Man kann Menschen wegloben oder man kann schlechte Zeugnisse austeilen, weil man nicht will, dass das beste Pferd im Stall eine neue Stelle findet.

Dennoch, es geht nicht ohne Zeugnisse. Sie gehören zum Grundbestand einer Bewerbung. Ein fehlendes Zeugnis gibt Anlass zu Spekulationen und Vermutungen: War es so schlecht, dass er oder sie es lieber nicht zeigt? Was ist im alten Betrieb vorgefallen, dass es nicht einmal ein Zeugnis gibt? Zeugnisse sind ein wertvolles Puzzleteil im Bild einer sich bewerbenden Person. Ich kann meinen persönlichen Eindruck mit dem Zeugnis vergleichen und dann entscheiden, ob mein Bild mit der Aussage übereinstimmt. Wenn nicht – ist das Zeugnis «getürkt»? Ist mein persönliches Bild getrübt, weil mir Dialekt oder Frisur nicht gefallen hat?

Wir dürfen Zeugnisse nicht über- und nicht unterbewerten. Wie im differenzierten Assessment einer Person müssen wir jede Dimension, die wir prüfen, mindestens über zwei Verfahren prüfen. Zeugnisse helfen, eine Person kennen zu lernen, aber wir müssen uns der begrenzten Aussagekraft der Zeugnisse bewusst sein.

Welche Fehler können Zeugnisschreiber machen? Die einen schreiben nur gute Zeugnisse, andere nur schlechte, bei wieder anderen gibt es nur durchschnittliche Zeugnisse. Manche können einfach nicht gut schreiben, andere schreiben Belanglosigkeiten oder sie nehmen immer wieder dieselben Textbausteine. Der Gebrauch von so genannten codierten Formulierungen kann zu unerwünschten Missverständnissen führen. Daher sind solche Aussagen zu vermeiden.

Arbeitgeber und Personalchefs haben in Bezug auf Zeugnisse eine angenehme Doppelfunktion: Sie lesen sie und schreiben sie zugleich. Also können sie sich beim Lesen gut in die Position des Schreibenden hineinversetzen, und sie können aus den Fehlern der anderen lernen. Wer sich selbst ein gutes Zeugnis als Zeugnisgeber ausstellen möchte, sollte sich einerseits am klassischen Aufbau und den notwendigen Inhalten eines Zeugnisses orientieren, aber er oder sie sollte beim Schreiben den Mut haben, auf die Floskeln der Zeugnissprache zu verzichten. Es sei denn, er oder sie möchte der ausscheidenden Person mit einem Schema-F-Zeugnis eins auswischen.

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PostHeaderIcon Das Mienenspiel der Zufriedenheit hat im Arbeitszeugnis eine grosse Ausdruckskraft.

In den Zeugnissen gibt es immer wieder diese vollmundigen Formulierungen. Oft liest sich etwas besonders gut oder hört sich nett an. Was bedeutet es aber wirklich, wenn in einem Zeugnis steht: ‚Er hat stets in jeder Hinsicht sehr gute Leistungen erbracht’. Ist das nun gut oder schlecht?

Die nachfolgende Liste ist vielleicht nicht ganz vollständig. Sie beinhaltet jedoch alle wichtigen Bezeichnungen, um die codierte Zeugnissprache, die nach wie vor weit verbreitet ist und sich grosser Beliebtheit erfreut, besser nach entschlüsseln zu können.

Formulierungen Klartext Note
* Stets zur vollsten Zufriedenheit sehr gute Leistungen sehr gut
Stets in jeder Hinsicht sehr gute Leistungen sehr gut
Vollste Zufriedenheit leichte Abwertung von der Höchstleistung sehr gut -
Immer sehr zufrieden erhebliche Abwertung der Höchstleistung gut
Stets volle Zufriedenheit gute Leistungen gut +
Stets sehr zufrieden gute Leistungen gut
Volle Zufriedenheit befriedigende Leistungen befriedigend
Waren immer zufrieden durchschnittliche Leistungen befriedigend
Stets zur Zufriedenheit unterdurchschnittliche

Leistungen

befriedigend -
Waren befriedigend unterdurchschnittliche

Leistungen

befriedigend -
Zu (unserer) Zufriedenheit ausreichende Leistungen ausreichend
Waren zufrieden ausreichende Leistungen ausreichend
Im grossen und ganzen zufrieden sehr schlechte Leistungen mangelhaft
Hat sich bemüht … zu unserer Zufriedenheit zu erledigen erhebliche Mängel mangelhaft
War stets bemüht gravierende Mängel mangelhaft -
War stets bemüht/hat sich bemüht absolut unzureichende Leistung ungenügend
Unseren Erwartungen entsprochen vollkommen unzureichende Leistungen ungenügen

* ‚Stets zur vollsten Zufriedenheit …’ beschreibt in der Zeugnissprache die Note „sehr gut“. Allerdings darf man diese Formel nie isoliert betrachten, denn ein gutes Zeugnis setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. Wirken andere Bausteine nicht stimmig, so nützt eine perfekte Zufriedenheitsformel wenig.

Es gibt Zeugnisaussteller, die verzichten auf die „vollste Zufriedenheit“ und belassen es bei der „vollen Zufriedenheit“, weil das Wort „vollste“ nicht korrektes Deutsch ist. Diese Unrichtigkeit hat sich allerdings fest in der deutschen Zeugnissprache eingenistet. Zeugnisse, in denen von der „vollen Zufriedenheit“ die Rede ist, reflektieren nach allgemeiner Ansicht die Note ‚gut’ und nicht „sehr gut“.

Andere, gleichwertige Formulierungen lauten z.B.: „Wir waren mit seinen Leistungen stets ausserordentlich zufrieden.“, „Die Leistungen haben jederzeit und in jeder Hinsicht unsere volle Anerkennung gefunden.“, „Die Leistungen werden zusammengefasst als sehr gut beurteilt.“

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PostHeaderIcon Nicht zufrieden mit dem Arbeitszeugnis? Was machen?

Arbeitnehmende können ihren Anspruch auf ein objektiv richtiges (wahres), eindeutig formuliertes und vollständiges Zeugnis mittels Klage beim Arbeitsgericht durchsetzen.

Im Berichtigungsprozess hat der Arbeitnehmer den von ihm gewünschten Zeugnistext einzuklagen, denn prozessrechtlich ist ein Rechtsbegehren so bestimmt zu formulieren, dass es der Richter im Falle der Gutheissung der Klage ohne Änderung zum Urteil erheben kann. Arbeitnehmende tragen jedoch die Beweislast für die von ihnen behaupteten Tatsachen, aus denen er ein bestimmtes Zeugnis ableitet.

Sie haben zudem auch namentlich die Tatsachen zu beweisen, aus denen sie ein bestimmtes Werturteil des Arbeitgebers im Zeugnis herleitet. Durch ein Gerichtsurteil kann somit der Arbeitgeber gezwungen werden, nicht nur bestimmte Tatsachen, sondern auch seine Werturteile im Zeugnis zu ändern. Doch üben die Gerichte Zurückhaltung, dem Arbeitgeber subjektive Meinungsäusserungen aufzuzwingen, und tendieren nach objektivierten Formulierungen ‚seine Leistungen waren gut’ statt ‚zu unserer vollen Zufriedenheit’.

Liegen keine erheblichen Vorwürfe gegen Arbeitnehmende vor, so ist deren Verhalten noch nicht unbedingt als ‚gut’, wohl aber als ‚genügend’ oder ‚zufriedenstellend’ zu qualifizieren. Der Zeugnisanspruch ist vermögensrechtlicher Natur. Bezüglich der Höhe des Streitwertes ist in erster Linie auf die übereinstimmenden Parteiangaben abzustellen. Liegen übereinstimmende Parteierklärungen nicht vor, ist der Streitwert nach richterlichem Ermessen festzulegen.

  • In Zürich ist dann in der Regel ein Streitwert in der Höhe eines Monatslohnes anzunehmen,
  • in Bern ein Wert von Fr. 50.-,
  • während in Basel zum Beispiel ein 1/2 Monatslohn als Streitwert angenommen wird.

Im Zweifelsfall ist es ohnehin ratsam sein Arbeitszeugnis von einer Fachperson beurteilen zu lassen, bevor man das Arbeitsgericht bemüht. Sehr oft sind Missverständnisse die Ursache aller Probleme, die man mit einem klärenden Gespräch meistens aus der Welt schaffen kann.

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