Jan. 2

Wachstum ist die Weigerung, sich vom eigenen Gestern regieren zu lassen.

Author: PersonalRadar

Wachstum hat in Unternehmen den Ruf eines Sieges. Es ist die Kurve, die nach oben zeigt, das neue Büro, die zusätzliche Linie im Organigramm, das Gefühl, die Zukunft nicht nur zu erwarten, sondern zu besitzen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Wachstum ist weniger Triumph als Prüfung. Es ist nicht bloss ein betriebswirtschaftlicher Zustand, sondern eine existenzielle Bewegung. Eine Verschiebung des Selbstverständnisses, eine Reibung zwischen dem, was war, und dem, was werden will.

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Denn Wachstum bedeutet: Man verlässt den Ort, an dem alles überschaubar ist. Man verabschiedet sich vom vertrauten Mass. Man riskiert, dass Ordnung und Gewissheit nicht Schritt halten. Und genau darin liegt der Reiz: Wachstum ist die freiwillige Zumutung, die eine Firma sich selbst auferlegt, um nicht zur eigenen Gewohnheit zu versteinern.

Harmonie ist oft nur feige Stille

In vielen Unternehmen wird betriebsinterne Kultur wie ein zerbrechliches Gefäss behandelt, das man vor jeder Erschütterung schützen müsse. Als wäre die ideale Firma ein Maschinenraum ohne Konflikte, ohne Widerstand und ohne Lärm. Doch das ist eine moralisch aufpolierte Illusion. Harmonie ist nicht zwingend ein Zeichen von Reife. Oft ist sie bloss die Abwesenheit von Widerspruch, erkauft durch Schweigen und die stille Übereinkunft, das Unangenehme nicht zu benennen.

Wachstum bricht diese Übereinkunft. Es entlarvt den Frieden, der nur deshalb besteht, weil niemand die Wahrheit ausspricht. Plötzlich reichen Andeutungen nicht mehr. Plötzlich genügt das freundliche ‘Wir schauen dann’ nicht mehr. Wachstum zwingt zur Entscheidung, und jede Entscheidung ist ein Schnitt: eine Grenzziehung zwischen dem, was weitergeführt wird, und dem, was endet.

Wachstum ist die Zumutung, die alles offenlegt

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In kleinen Systemen kann man vieles durch Nähe kompensieren. Man kennt einander, man versteht die Zwischentöne, man gleicht aus. Doch Nähe ist kein Prinzip, das skaliert. Sie ist eine Form des Wissens, das an Personen gebunden ist: an Erinnerung, an Vertrauen und an gemeinsam erlebte Geschichte.

Wachstum ist deshalb ein Wirklichkeitsschock: Es zwingt das Implizite ins Explizite. Was früher ‘man weiss ja’ war, muss plötzlich gesagt werden. Was früher im Blickkontakt geregelt wurde, braucht eine Entscheidungskette. Was früher durch Charme, Improvisation und Loyalität zusammengehalten wurde, verlangt nach Struktur.

Und Struktur ist, entgegen ihrem schlechten Ruf, keine Verarmung. Struktur ist das Steuerrad der Komplexität. Sie ist der Versuch, in einem grösser werdenden System Klarheit herzustellen: durch nachvollziehbare Regeln, definierte Rollen und transparente Verantwortlichkeiten.

Nicht, weil Menschen Maschinen wären, sondern weil Menschen ohne Orientierung in Mehrdeutigkeit ermüden und sich verzetteln.

So wird Wachstum zu einer Frage der Organisation: Wer trägt die Last? Wer darf entscheiden? Wer wird gehört und wer bleibt sichtbar, wenn das System grösser wird?

Die Zeit als unsichtbarer Gegner

Wachstum ist nicht nur eine Vergrösserung, es ist eine Beschleunigung. Und Beschleunigung ist ein metaphysisches Problem: Sie verändert die Erfahrung von Zeit. Das, was gestern noch ‘genug’ war, wirkt heute plötzlich träge. Das, was früher ein sorgfältiger Prozess war, wird zur Verzögerung. Die betriebliche Organisation gerät in eine neue Chronologie. Sozusagen in ein anderes Tempo des Seins.

Darin liegt der Grund, weshalb viele so empfindlich reagieren, wenn es schnell wird. Nicht weil Geschwindigkeit an sich schlecht wäre, sondern weil sie die Existenzformen des Unternehmens verändert: Kommunikation wird knapper, Geduld rarer und Missverständnisse wahrscheinlicher. Wer wachsen will, muss also nicht nur mehr leisten, er muss anders handeln und arbeiten. Wachstum ist eine Umstellung der inneren Zeit.

Und hier entscheidet sich Reife: Nicht daran, ob niemand überfordert ist, sondern daran, ob zu erwartende Überforderung in produktive Form umgewandelt werden kann. Ist die Führung fähig, Tempo nicht als Übergriff, sondern als Gestaltungsauftrag zu begreifen und auch so der Belegschaft zu vermitteln?

Wahrheit, Zahlen und das Ende des Selbstbetrugs

Zahlen wirken in solchen Momenten wie kalte Spiegel. Sie sind nicht die Wahrheit, aber sie verhindern, dass man sich eine Wahrheit erfindet. Kennzahlen sind in dieser Perspektive nicht Zynismus, sondern einfach Erkenntnis. Sozusagen die Anerkennung, dass Wünsche und Absichten nicht reichen, um Wirklichkeit zu erzeugen.

Wachstum verlangt realistisches Denken, weil Komplexität leicht zur Selbsttäuschung verführt. Man kann sich im Diskurs verlieren, im Wording, in Workshops, im moralischen Dekor. Man kann sich erzählen, man sei ‘auf dem richtigen Weg’, während die Substanz erodiert. Zahlen sind unbequem, weil sie sich nicht schönreden lassen. Gerade deshalb sind sie wichtig: Sie markieren die Grenze zwischen Hoffnung und Realität.

Die Zumutung der Führung

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Führung wird in vielen Unternehmen als Rolle verstanden, als Titel, als Funktionsbeschreibung. In Wachstumsphasen zeigt sich jedoch: Führung ist weniger Funktion als Haltung. Sie ist die Fähigkeit, Zumutungen zu formulieren, ohne Menschen zu entwürdigen. Klarheit zu schaffen, ohne brutal zu werden und Konflikte zu führen, ohne sie zu personalisieren.

Eine reife Führungskultur erkennt, dass Fürsorge nicht darin besteht, das Unangenehme zu vermeiden, sondern darin, es tragbar zu machen. Nicht jedes Problem ist sofort lösbar. Aber jedes Problem verdient Sprache und Ausdruck. Wachstum ist deshalb immer auch ein Sprachtest: Welche Wahrheiten dürfen ausgesprochen werden? Welche Fragen sind erlaubt? Welche Spannungen werden nicht pathologisiert, sondern als Teil der Entwicklung anerkannt?

Wer Wachstum will, braucht eine souveräne Führungskultur, die Widerspruch nicht als Störung versteht, sondern als Lunge des Systems. Denn Widerspruch ist oft der erste Hinweis, dass etwas Wesentliches übersehen wird. Wer keinen Schnauf hat, kommt nicht ans Ziel.

Wachstum als Akt der Selbstüberschreitung

Wachstum ist ein kraftzehrender Zustand. Es demaskiert. Es zwingt eine betriebliche Organisation, sich selbst zu überschreiten. Es nimmt ihr die Ausreden des Kleinen: das gemütliche ‘Wir sind halt so’, das romantische ‘Wir sind wie eine Familie’ und das beruhigende ‘Das wird schon’.

In dieser Entlarvung liegt eine Chance, die grösser ist als jeder Umsatzsprung: die Chance auf innere Reife. Wachstum fordert, dass ein Unternehmen sein Inneres der Realität anpasst, nicht durch schöne Worte, sondern durch Klarheit, Struktur, Mut und Verantwortlichkeit.

So betrachtet ist Wachstum kein blosses Mehr. Es ist ein anderes Sein. Eine Entscheidung gegen die Trägheit, gegen die Selbstgenügsamkeit, gegen die Angst vor Reibung. Und vielleicht ist genau das der philosophische Kern: Wachstum ist die Weigerung, sich vom eigenen Gestern regieren zu lassen.

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