März 9

Was kaputtgeht, wenn man Temporärbüros kaputtverhandelt.

Author: PersonalRadar

Das Feilschen um Temporärmitarbeitende (TMA) beginnt nicht im Betrieb, sondern bereits im ersten Austausch, wenn sichtbar wird, wie knapp Personal in Wahrheit geworden ist. Temporärbüros haben zuweilen einen schweren Stand.

(Bildquelle: ChatGPT)

Ein Ausfall, ein Projektstart oder ein zusätzlicher Auftrag genügen, und ein Betrieb gerät in den Engpass. Dann wird dringend Unterstützung verlangt. Gleichzeitig beginnt das Feilschen um den Tarif. Hilfe wird sofort gebraucht, aber diskutiert wird zuerst der Preis.

Genau darin liegt die Verzerrung. Temporärarbeit wird behandelt, als wäre sie ein lästiger Zuschlag. In vielen Branchen ist sie längst Teil der Betriebsinfrastruktur. Sie hält Termine, federt Ausfälle ab und macht vorhandene Kapazitäten erst wieder produktiv.

Die bequemste Milchbüechlirechnung vieler Einsatzbetriebe lautet so: Lohn des TMA minus Tarif des Verleihers gleich angeblich unverschämte Marge. Und schon ist das Urteil gefällt: Temporärbüros verdienen sich dumm und dämlich.

Diese Rechnung ist beliebt, weil sie einfach ist. Sie ist jedoch falsch. Wer Personal verleiht, trägt Rekrutierung, Arbeitgeberpflichten, Sozialabgaben, Versicherungen, Ausfallrisiken, Disposition, Betreuung und Debitorenmanagement. Aus zwei Zahlen ein empörtes Urteil zu zimmern, ist keine Analyse. Es ist eine unredliche Abkürzung.

Wer an Temporörmitarbeitenden oft stärker verdient

Der Einsatzbetrieb kauft mit dem TMA nicht bloss Arbeitszeit ein. Er kauft zusätzliche Lieferfähigkeit. Maschinen, Werkstatt, Projektleitung, Fahrzeuge, IT und Administration sind meist schon vorhanden. Fehlt die Person, steht ein Teil dieser Struktur still. Kommt die passende Arbeitskraft dazu, wird dieselbe Struktur wieder fakturierbar.

(Bildquelle: ChatGPT)

Genau deshalb profitiert der Einsatzbetrieb oft stärker als der Verleiher. Er setzt die eingekaufte Kapazität in eigene Wertschöpfung um. Er verkauft Leistungen an Kunden, hält Fristen ein, vermeidet Leerlauf und schützt bestehende Aufträge. Der TMA ist damit nicht nur Kostenfaktor, sondern Ertragshebel.

Um das sichtbar zu machen, genügen vier einfache Beispiele mit Temporärmitarbeitenden für die Handwerkerbranche. Die Mindeststundenlohndaten kann man ganz einfach auf www.gav-service.ch nachprüfen.

Diese sind mit einem mittleren Faktor von 1.4 multipliziert und bilden die Tarife für die Einsatzbetriebe. Die angesetzten Kundenpreise sind bewusst vorsichtig gewählt und orientieren sich an publizierten Regie- oder Verbandsrichtwerten. Die internen Zusatzkosten des Einsatzbetriebs sind pauschal gerechnet und eher defensiv angesetzt.

1) Elektro-Installateur EFZ, 44 Jahre alt, mehr als 1 Jahr Berufserfahrung*

  • Brutto-Mindeststundenlohn: CHF 35.48. Tarif an den Einsatzbetrieb: CHF 49.65. Selbst mit einem vorsichtig angesetzten Kundenpreis von CHF 105.00 pro Stunde bleibt die Rechnung für den Einsatzbetrieb attraktiv.
  • CHF 105.00 Kundenpreis minus CHF 49.65 Tarif minus CHF 12.00 interne Zusatzkosten ergibt CHF 43.35 Deckungsbeitrag pro Stunde.
  • Das sind CHF 346.80 pro Tag, CHF 1’734.00 pro Woche und rund CHF 6’936.00 in vier Wochen. Wer hier nur auf den Tarif zeigt, blendet aus, dass der Betrieb mit derselben Stunde selbst weiterverkauft.

2) Installateur EFZ, 25 Jahre alt, ab dem 5. Jahr nach Lehrabschluss, Einsatz in Glarus*

  • Brutto-Mindeststundenlohn: CHF 37.43. Tarif an den Einsatzbetrieb: CHF 52.40. Für diesen Fall kann mit einem vorsichtigen Regierichtwert von CHF 119.40 pro Stunde gerechnet werden.
  • CHF 119.40 Kundenpreis minus CHF 52.40 Tarif minus CHF 11.00 interne Zusatzkosten ergibt CHF 56.00 Deckungsbeitrag pro Stunde.
  • Das ergibt CHF 448.00 pro Tag, CHF 2’240.00 pro Woche und CHF 8’960.00 in vier Wochen. Der Betrieb kauft also keine teure Notlösung ein, sondern produktive Kapazität mit klarer Ertragswirkung.

3) Schreiner EFZ, 52 Jahre alt, mehr als 3 Jahre Berufserfahrung, Einsatz in Genf*

  • Brutto-Mindeststundenlohn: CHF 39.15. Tarif an den Einsatzbetrieb: CHF 54.80. Selbst wenn man nur mit dem schweizerischen Richtwert von CHF 111.00 pro Stunde für Schreiner-Berufsarbeiten rechnet, bleibt die Marge auf Seiten des Einsatzbetriebs deutlich.
  • CHF 111.00 Kundenpreis minus CHF 54.80 Tarif minus CHF 10.00 interne Zusatzkosten ergibt CHF 46.20 Deckungsbeitrag pro Stunde.
  • Das sind CHF 369.60 pro Tag, CHF 1’848.00 pro Woche und CHF 7’392.00 in vier Wochen. In Genf liegt der reale Marktpreis oft eher höher. Schon mit dem vorsichtigen Mittelwert zeigt sich jedoch, wie eigenartig das Tarifgejammer in Wahrheit ist.

4) Gipser EFZ, 28 Jahre alt, Berufsarbeiter ab 3 Jahren Berufserfahrung, Einsatz in Chur*

  • Brutto-Mindeststundenlohn: CHF 34.00. Tarif an den Einsatzbetrieb: CHF 51.00. Beim Gipser liegt ein publizierter Richtwert für Regiearbeiten bei CHF 103.55 pro Stunde.
  • CHF 103.55 Kundenpreis minus CHF 51.00 Tarif minus CHF 9.00 interne Zusatzkosten ergibt CHF 43.55 Deckungsbeitrag pro Stunde.
  • Das ergibt CHF 348.40 pro Tag, CHF 1’742.00 pro Woche und rund CHF 6’968.00 in vier Wochen. Die Rechnung ist schlicht: Der Einsatzbetrieb bezahlt für den TMA, verkauft die Leistung aber zu einem deutlich höheren Wert weiter.

* (Hinweis: Die Kundenpreise in den Beispielen sind bewusst vorsichtige Richtwerte auf Basis publizierter Regie- und Verbandsansätze. Effektive Marktpreise variieren je nach Region, Spezialisierung, Zuschlägen und Vertragsmodell.

Was diese vier Beispiele zeigen

(Bildquelle: ChatGPT)

Die Pointe ist in allen vier Fällen dieselbe. Der Einsatzbetrieb zahlt einen Tarif, verwertet die eingekaufte Kapazität aber in einer bestehenden Struktur mit höherem Marktwert. Genau dort entsteht seine Marge. Nicht im Luftschloss, sondern in fakturierbaren Stunden, geretteten Terminen und besser ausgelasteter Infrastruktur.

Wer den Personalverleih nur als simpler Aufschlag auf den Stundenlohn betrachtet, versteht das Geschäftsmodell nicht. Der Personalverleiher trägt Aufwand und Risiko. Der Einsatzbetrieb nutzt die Leistung, um eigene Wertschöpfung zu realisieren. Gerade deshalb wirkt die Empörung über TMA-Tarife oft so wohlfeil: Man beklagt die Eingangsrechnung und verschweigt die eigene Ausgangsrechnung.

Besonders eigenartig wird es dort, wo Einsatzbetriebe mit TMA regelmässig gute Geschäfte machen, den Personalverleiher aber behandeln, als sei er ein überteuertes Anhängsel. Wer von zusätzlicher Kapazität profitiert, sollte den Preis dieser Kapazität jedoch nicht so verhandeln, als wäre sie betrieblicher Luxus.

Was kaputtgeht, wenn man Temporärbüros kaputtverhandelt

Wer Tarife systematisch drückt, spart nicht einfach Geld. Er finanziert weniger Selektion, weniger Betreuung, weniger Puffer und weniger Ersatzfähigkeit. Die Qualität sinkt nicht aus boshafter Nachlässigkeit, sondern aus reiner Finanz-Mathematik.

Zuerst leidet die Eignung der Temporärmitarbeitenden. Dann leidet die Betreuung. Am Ende leidet die Geschwindigkeit, also genau jener Teil der Dienstleistung, den der Einsatzbetrieb im Engpass am dringendsten braucht. Wer das Temporärbüro zum Sparschwein macht, bekommt keine robuste Personalversorgung, sondern eine schon ausgepresste Zitrone.

Der Markt reagiert darauf nüchtern. Gute Anbieter priorisieren Kunden, bei denen Qualität, Tempo und Verlässlichkeit finanzierbar bleiben. Schlechte Konditionen ziehen nicht selten genau jene Anbieter an, die auch nur schlechte Leistung liefern. Die Rechnung für diesen Irrtum kommt später: in teuren Ausfällen, noch teurer Nacharbeit, erschöpfende Fluktuation und verlorener Zeit, die nicht gratis ist. Die Sparsau hat ausgegrunzt und ist tot. 

Und was lernen wir daraus?

Der TMA ist für den Einsatzbetrieb in vielen Fällen kein Ärgernis, sondern ein Instrument zur Ertragssicherung. Er kostet Geld, selbstverständlich. Aber er ermöglicht Leistung, die ohne ihn oft nicht oder nicht rechtzeitig verkauft werden könnte.

(Bildquelle: ChatGPT)

Darum ist der alte Reflex so unehrlich: Der Personalverleiher soll möglichst günstig liefern, während der Einsatzbetrieb mit derselben Arbeitskraft selbst gut verdient. Das ist kein kaufmännisches Rechnen, sondern betriebswirtschaftliche Kurzsichtigkeit

Wer Personaldienstleister systematisch auf Verschleiss kalkuliert, mit Dumpingtarifen, Rückvergütungsmodellen und permanentem Preisdruck, darf sich nicht wundern, wenn am Ende nur noch jene liefern, die aus Mangel an Alternativen liefern müssen, und irgendwann selbst das nicht mehr können.

Die besseren Personaldienstleister wenden sich früher oder später jenen Einsatzbetrieben zu, die Qualität, Verlässlichkeit und saubere Selektion nicht bloss einfordern, sondern auch fair abgelten. Denn wer gute Fachkräfte klug auswählt und professionell einsetzt, kauft nicht einfach Personal ein, sondern erhöht die eigene Erfolgsquote, Stabilität und Ertragskraft. Und das zum Vorteil aller Beteiligten.

‘It’s the economy, stupid’: Mit diesem Satz schärfte James Carville 1992 die Botschaft von Bill Clintons Kampagne. Er passt auch hier. Denn der Einsatzbetrieb kauft den TMA nicht ein, um Geld auszugeben, sondern um mit dessen Leistung Geld zu verdienen.