Jun 25

Die Arbeitswelt wird ‚botoxiert‘

Autor: PersonalRadar

Die sommerlichen Temperaturen geben wieder alles preis. Die aus eigenem Körperfett geformten Schwimmringe tauchen munter unter den dünnen T-Shirts auf. Schwabbelnd, hüpfend und der Schwerkraft zugeneigt kommen die massigen Fleischdepots wachsbleich hervor und lassen sich ungeniert mit einem aufgeklärten Seufzer betrachten. Was kostet das wieder an Trainingsstunden, Lebenszeit und aufklärender Mühsal?

‚Bodyshaping‘ und ‚Bodytuning‘ sind wieder angesagt. Gute Figur machen wird zur täglichen Pflicht. Die mediale Unterhaltungsindustrie hält uns auf Trab. Dabei verlieren wir mit dieser kein Gramm Körperfett und nehmen dabei noch in Kauf vor der Glotze an geistiger Unterernährung zu erkranken. Rotzfrech und mit gespieltem sakralem Ernst wird allen erklärt, dass wir in dieser anspruchsvollen Welt nur bestehen können, wenn wir unseren Körper einer Generalüberholung unterziehen und uns den unerbittlich neuen ästhetischen Ansprüchen unterwerfen und anpassen.

Die primären Geschlechtsmerkmale werden beherzt konturiert, verlängert und geformt. Die erschlaffte Büste bedenkenlos vergrössert, gestrafft und mit allerlei Schnickschnack aus der Zauberküche der Beautyindustrie verjüngt. Selbstverständlich wird der überschüssige Körperabfall gesammelt und dient, umgewandelt zum Bau-, Dämm- und Hilfsstoff, für die Verschönerung und Optimierung des fleischlichen Daseins. Aus blutarmen, dünnen Bürokratenlippen, werden opulente, von Kraft strotzende Kusswerkzeuge, die jeder zurückhaltenden Romantik den Garaus machen. Die aufwändige Wurstlippe wird zum neuen Markenzeichen der ‚Cervelatprominenz‘. Chirurgisch unterfütterte Wangen sind mit abschliessender Laserbehandlung frisch wie Babypopos, das abgesaugte Fett landet als VIP-Seife in der nächsten Kunstgalerie und stämmige Beinpfosten werden zur XXX-Länge verschönert, damit der federnde Gazellengang auf dem ‚Catwalk‘ gut zur Geltung kommt.

Es wird gezupft, festgezurrt, gepierct, geschnipselt, geliftet und gefälscht was das Zeug hält. Jedes noch so gewagte Design wird appliziert und verpestet als dermatologisches Ärgernis Bäuche, Hüften und hormongestählte Oberarme. Die Schönheitsindustrie ‚botoxiert‘  die moderne Gesellschaft.  Das geglättete Dasein wird quasi zum Mass aller Dinge.

Selbstverständlich hat uns auch die Lebensmittelindustrie am Wickel. ‚Functional Food‘ liebkost unsere Darmflora, sorgt für ein ewig stimulierendes Hungergefühl und lässt uns glauben, dass die im Körper eingebauten Hilfsmittel mit uns steinalt werden. Auch das Gebiss wird so blendendweiss abrasiv geschrubbt, ‚gebleacht‘ oder neu im Kieferknochen verschraubt, dass es uns schier ob solcher Schönheit den Atem nimmt. Alles ist nur noch schön. Die faltenbefreiende Crème gehört zum privaten Hausaltar.

Jeder Bewegung folgt eine Gegenbewegung. Die Zeit der authentischen Ästhetik wird wieder kommen. Da werden barocke Rundungen und beharrte Männerbrüste wieder sexy sein. Warten wir einfach ab. Vielleicht nimmt sich der kommenden Entwicklung wieder eine andere Industrie an.

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Comments

One thought on “Die Arbeitswelt wird ‚botoxiert‘”

  • Sarah Wild sagt:

    Guter Beitrag. Es stimmt – jeder meint mit Botox eine Persönlichkeit zu haben. In erster Linie ist es ein Nervengift, das Muskeln lähmt. Die Persönlichkeit kann damit auch mal entgleiten und die Gesundheit damit. Lieber so sein, wie wir sind. Auch mit den Falten.


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