Juli 20

Bewerbung: Der Lebenslauf als Streumunition…

Author: PersonalRadar

Hauptsache verschickt. Ob es passt, ist offenbar Nebensache. Die Bewerbung als Streumuntion trifft selten ins Ziel. 

(Bildquelle: am 20.07.2026 mit ChatGPT erstellt)

Es gibt Bewerbungen, bei denen man bereits nach dem ersten Blick weiss: Hier hat niemand ernsthaft eine Stelle gesucht. Hier wurde lediglich ein Dokument verschickt. Möglichst schnell, möglichst bequem und vermutlich noch an zwölf weitere Unternehmen, bevor der Kaffee kalt geworden ist.

Gesucht wird eine erfahrene Fachperson im Finanz- und Rechnungswesen. Es bewirbt sich jemand, dessen beruflicher Bezug zu Zahlen darin besteht, dass er einmal an einer Kasse gearbeitet hat. Verlangt wird eine technische Grundausbildung mit mehrjähriger Erfahrung im Maschinenbau. Im Lebenslauf findet sich weder Technik noch Maschine, dafür aber der hoffnungsvolle Satz, man sei offen für eine neue Herausforderung.

Offenheit ist zweifellos eine schöne Eigenschaft. Sie ersetzt allerdings keine Qualifikation.

Natürlich muss niemand jede Anforderung eines Stelleninserats erfüllen. Unternehmen suchen keine Menschen, die bereits am ersten Arbeitstag alles wissen, alles können und am besten noch die nächsten drei Geschäftsjahre vorausberechnen. Es gibt Entwicklungspotenzial, Quereinstiege und ungewöhnliche Berufswege. Doch ein Quereinstieg braucht wenigstens eine nachvollziehbare Brücke. Wer diese Brücke weder fachlich noch sprachlich bauen kann, steht nicht vor einer neuen Karriere. Er steht vor einer ziemlich breiten Schlucht und winkt von der falschen Seite.

Trotzdem werden Bewerbungen verschickt, die mit der ausgeschriebenen Stelle ungefähr so viel zu tun haben wie ein Gabelstapler mit einer Steuererklärung. Man könnte fast meinen, Stelleninserate seien unverbindliche Themenvorschläge und keine Beschreibung einer tatsächlich zu besetzenden Funktion.

Vielleicht laden sie mich trotzdem ein

(Nicht jede Bewerbung ist ein Volltreffer – Bildquelle: am 20.07.2026 mit ChatGPT erstellt)

Hinter solchen Bewerbungen steckt manchmal echte Verzweiflung. Wer lange ohne Arbeit ist, erweitert seinen Suchradius. Das ist verständlich und häufig auch sinnvoll. Problematisch wird es erst, wenn aus dem erweiterten Suchradius eine berufliche Umlaufbahn wird, in der jede Stelle irgendwann einmal vorbeikommt.

Dann bewirbt sich der Hilfsarbeiter als Projektleiter, weil er schon auf vielen Baustellen gearbeitet hat. Die kaufmännische Angestellte möchte plötzlich Laborantin werden, weil sie in der Schule Chemie mochte. Und jemand ohne Führungserfahrung sieht sich als Teamleiter, weil er privat als Erster entscheidet, wohin die Familie in die Ferien fährt. Die Hoffnung ist immer dieselbe: Vielleicht werde ich trotzdem eingeladen. Im persönlichen Gespräch kann ich dann überzeugen.

Nur ist ein Vorstellungsgespräch keine Talentshow, bei der die Jury aus reiner Neugier sehen möchte, was hinter dem Vorhang noch passiert. Unternehmen suchen keine überraschende Wendung. Sie suchen jemanden, der die Aufgabe mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bewältigen kann.

Persönlichkeit ist wichtig. Motivation ebenfalls. Doch wer sich besonders leidenschaftlich für Herzchirurgie interessiert, darf deswegen noch lange nicht operieren. Manche Anforderungen sind verhandelbar. Andere sind es schlicht nicht. Wer für eine Stelle zwingend eine bestimmte Ausbildung, Zulassung, Sprachkompetenz oder Berufserfahrung benötigt, wird diese Voraussetzungen nicht mit einem enthusiastischen Motivationsschreiben wegzaubern. Auch nicht mit der beliebten Aussage, man lerne sehr schnell. Fast alle Menschen behaupten, schnell zu lernen.

Erstaunlicherweise lernt kaum jemand schnell genug, um am Montag als Fachperson zu beginnen, ohne am Freitag zuvor je etwas mit dem Fach zu tun gehabt zu haben.

Gegen Monatsende wird der Arbeitsmarkt plötzlich grenzenlos

(Bildquelle: am 20.07.2026 mit ChatGPT erstellt)

Dann gibt es jene Bewerbungen, die nicht aus Verzweiflung entstehen, sondern aus einer ganz anderen Notlage: Die Liste für das RAV ist noch nicht voll.

Der Monat neigt sich dem Ende zu, der Nachweis der persönlichen Arbeitsbemühungen weist noch bedenklich viel Weissraum auf, und plötzlich entdeckt man ungeahnte berufliche Interessen. Heute Buchhaltung, morgen Logistik, übermorgen Gebäudetechnik. Hauptsache, es ergibt eine Zeile auf dem Formular. Dann wird nicht mehr nach Stellen gesucht. Dann werden Bewerbungen produziert.

Der Lebenslauf wird hochgeladen, ein universell einsetzbares KI-Motivationsschreiben angehängt und das Ganze mit wenigen Klicks in die freie Wildbahn entlassen. Ob der Inhalt zur Stelle passt, ist zweitrangig. Ob die richtige Firma angeschrieben wird, gelegentlich ebenfalls. Hauptsache, es kann später vermerkt werden: Bewerbung verschickt.

So entstehen Schreiben, die gleichzeitig für ein Bauunternehmen, eine Versicherung, einen Pharmakonzern und ein Altersheim geeignet sein sollen. Darin sucht jemand eine ’spannende Herausforderung in einem dynamischen Umfeld‘, möchte seine ‚vielseitigen Fähigkeiten gewinnbringend einbringen‘ und freut sich darauf, das Unternehmen ‚tatkräftig zu unterstützen‘. Welches Unternehmen? Wobei genau? Und mit welchen Fähigkeiten? Das bleibt offen. Schliesslich soll derselbe Text auch bei den nächsten neun Bewerbungen funktionieren.

Besonders eindrücklich sind jene Exemplare, in denen noch der Name des vorherigen Unternehmens steht. Man bewirbt sich bei der Meier AG, erklärt aber voller Begeisterung, weshalb man unbedingt zur Müller GmbH möchte. Die ausgeschriebene Stelle betrifft den Einkauf, im Schreiben wird eine Karriere im Personalwesen angestrebt, und im letzten Satz bedankt man sich für das Interesse an der Bewerbung als Logistiker. Das ist nicht vielseitig. Das ist Copy-and-paste mit Kontrollverlust.

Das RAV zählt. Der Arbeitgeber liest.

(Bildquelle: am 20.07.2026 mit ChatGPT erstellt)

Die Pflicht, Arbeitsbemühungen nachzuweisen, ist grundsätzlich richtig. Wer Leistungen der Arbeitslosenversicherung bezieht, soll nachweislich und ernsthaft nach einer neuen Stelle suchen. Darüber muss man nicht lange diskutieren.

Diskussionswürdig ist hingegen ein System, das sich zu stark an der Anzahl verschickter Bewerbungen orientiert. Denn Zahlen sind leicht kontrollierbar. Qualität ist anstrengender. Acht Bewerbungen lassen sich sauber in eine Tabelle eintragen. Ob davon sechs völlig unrealistisch waren, erkennt die Tabelle nicht. Zwölf Bewerbungen sehen nach hoher Aktivität aus. Dass zehn davon in erster Linie dazu dienten, die Monatsvorgabe aufzufüllen, bleibt unsichtbar.

So wird aus Stellensuche plötzlich Mengenlehre.

Die fatale Botschaft lautet: Nicht die passende Bewerbung zählt, sondern die verschickte. Wer sich sorgfältig auf vier realistische Stellen bewirbt, telefonisch nachfragt und seine Unterlagen individuell aufbereitet, wirkt auf dem Papier womöglich weniger aktiv als jemand, der zwanzig Standardbewerbungen durch sämtliche Jobportale jagt. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie die Qualität eines Kochs daran zu messen, wie viele Teller er pro Stunde füllt. Ob darauf etwas Essbares liegt, wäre dann eine unnötige Detailfrage.

Natürlich verlangen RAV-Beratende nicht pauschal sinnlose Bewerbungen. Viele beurteilen die persönliche Situation differenziert und vernünftig. Dennoch schafft jede starre oder primär mengenorientierte Vorgabe den Anreiz, die Zahl zu bedienen. Und wo eine Zahl bedient werden muss, findet sich früher oder später jemand, der sie füttert.

Personalabteilungen sind keine Nachweisannahmestellen

(Bildquelle: am 20.07.2026 mit ChatGPT erstellt)

Auf der anderen Seite sitzen Unternehmen und Personalberatungen, die diese Bewerbungen erhalten, öffnen, prüfen, erfassen und beantworten. Eine einzelne unpassende Bewerbung ist kein Drama. Wenn jedoch täglich Dossiers eintreffen, bei denen schon die Berufsbezeichnung des Inserats offenbar als Unverbindlichkeit betrachtet wurde, summiert sich der Unsinn.

Personalabteilungen sind keine Aussenstellen des RAV. Sie sind auch keine kostenlosen Stempelautomaten für Arbeitsbemühungen.

Wer eine Bewerbung verschickt, erwartet zu Recht eine seriöse Behandlung. Dann darf das Unternehmen im Gegenzug erwarten, dass sich der Bewerber zumindest kurz überlegt hat, weshalb seine Unterlagen dort landen. Das wäre keine übertriebene Forderung. Es wäre der kleinste gemeinsame Nenner gegenseitiger Ernsthaftigkeit.

Eine Bewerbung ist schliesslich keine Werbesendung, die man grossflächig verteilt, weil irgendwo vielleicht jemand darauf reagiert. Wer seinen Lebenslauf wie einen Flyer streut, darf sich nicht wundern, wenn er behandelt wird wie Reklame: kurz angeschaut, als irrelevant erkannt und entsorgt.

Von der Alibibewerbung zur erfundenen Bewerbung

Noch eine Stufe tiefer wird es, wenn Bewerbungen nicht nur unpassend, sondern vollständig erfunden sind. Unternehmen werden als Kontakt angegeben, obwohl dort nie Unterlagen eingegangen sind. E-Mail-Adressen werden falsch notiert, Gesprächspartner erfunden oder Bewerbungsnachweise so kreativ interpretiert, dass selbst die Fantasieabteilung einer Werbeagentur anerkennend nicken müsste.

Das ist keine clevere Abkürzung. Es ist Täuschung.

Wer Arbeitsbemühungen behauptet, die nie stattgefunden haben, beweist damit nicht besondere Findigkeit. Er liefert vielmehr eine ungefragte Arbeitsprobe zu seiner eigenen Zuverlässigkeit. Das kann unangenehme Folgen haben. Vor allem aber beschädigt es die Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit ist im Bewerbungsprozess kein dekoratives Extra. Sie ist die Grundlage.

Fachwissen kann man ergänzen. Programme lassen sich lernen. Fehlende Erfahrung kann man durch Einsatz teilweise kompensieren. Doch wer bereits bei der Dokumentation seiner Stellensuche trickst, macht es anderen schwer, ihm später Verantwortung anzuvertrauen.

Der Arbeitsmarkt ist kompliziert. Aber auch dort gilt noch immer: Wer Vertrauen möchte, sollte nicht mit einer erfundenen Bewerbung beginnen.

Zehn falsche Schlüssel öffnen keine Tür

(Bildquelle: am 20.07.2026 mit ChatGPT erstellt)

Wahllose Bewerbungen führen selten zu mehr Chancen. Sie führen vor allem zu mehr Absagen. Und viele Absagen erzeugen irgendwann das Gefühl, der gesamte Arbeitsmarkt sei ungerecht, ignorant oder gegen einen persönlich eingestellt. Manchmal ist die Erklärung deutlich banaler: Die Bewerbungen passen nicht. Wer sich fünfzig Mal auf Stellen bewirbt, für die ihm zentrale Voraussetzungen fehlen, wurde nicht fünfzig Mal übersehen. Er hat fünfzig Mal die falsche Adresse gewählt.

Das mag hart klingen, ist aber hilfreicher als die romantische Vorstellung, man müsse einfach nur noch mehr Bewerbungen verschicken. Zehn falsche Schlüssel öffnen keine Tür. Hundert ebenfalls nicht. Sie machen höchstens die Hosentasche schwer.

Eine sinnvolle Stellensuche beginnt deshalb nicht mit der Frage: ‚Wo kann ich meinen Lebenslauf noch hinschicken?‘ Sie beginnt mit einer ehrlicheren Prüfung: Was kann ich tatsächlich? Wo ist meine Erfahrung relevant? Welche Anforderungen erfülle ich? Welche Lücken kann ich glaubwürdig erklären, und bei welchen Stellen fehlt mir schlicht die Grundlage? Wer sechzig oder siebzig Prozent eines Profils erfüllt und den Rest realistisch lernen kann, sollte sich bewerben. Wer zwanzig Prozent erfüllt und die restlichen achtzig mit Motivation, Offenheit und einem dynamischen Umfeld überdecken möchte, sollte nochmals über die Bücher.

Weniger Bewerbungen. Weniger Theater. Mehr Wirkung.

(Bildquelle: am 20.07.2026 mit ChatGPT erstellt)

Arbeitslosigkeit belastet. Der finanzielle und persönliche Druck kann erheblich sein. Wer nach vielen Jahren Berufstätigkeit plötzlich ohne Stelle dasteht, braucht keine Häme, sondern Unterstützung, Orientierung und oft auch Geduld. Doch Verständnis darf nicht mit Anspruchslosigkeit verwechselt werden. Eine Bewerbung muss nicht perfekt sein. Sie muss weder literarisch glänzen noch grafisch aussehen wie der Jahresbericht eines Weltkonzerns. Sie sollte lediglich erkennen lassen, dass jemand die Stelle gelesen, verstanden und einen realistischen Bezug zum eigenen Profil hergestellt hat. Das ist eigentlich nicht viel verlangt. Inzwischen wirkt es jedoch beinahe luxuriös.

Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, Arbeitsbemühungen weniger als monatliche Stückzahl und stärker als ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Arbeitsmarkt zu verstehen. Eine durchdachte Bewerbung auf eine passende Stelle ist mehr wert als fünf lieblos verschickte Pflichtübungen. Für den Stellensuchenden, für das RAV und für das Unternehmen. Denn eine Bewerbung soll eine Tür öffnen. Sie soll nicht einfach nur beweisen, dass jemand den Knopf ‚Senden‘ gefunden hat.

Bewerbung: Schlampig beworben. Sauber aussortiert.

Bewerbung: Ist Ihr Eigenmarketing klug oder nur Phrasendrescherei?